Tübingen, 26. September 2018

Der Verlag hat es wahrscheinlich geahnt. Tübingen, die Universität und die Kurden: Das passt nicht recht zusammen. Der Hörsaal ist jedenfalls viel zu groß für 45 Menschen. Ein paar Bücher hätten wir sicher trotzdem verkaufen können. Hoffentlich eine Ausnahme, diese Versand-Panne.

Der Veranstalter heißt Rojava Solidarity Tübingen. Klingt gewaltig, ist aber mehr oder weniger ein Ein-Mann-Unternehmen. Andreas Müller hat im Rechenzentrum der Uni eine 60-Prozent-Stelle und nutzt den Rest seiner Zeit, um für die Revolution in Nordsyrien zu werben. Am Anfang stand ein Vortrag von Brigitte Kiechle, die zusammen mit Nikolaus Brauns das Standardwerk über die PKK geschrieben hat. Bilanz seit dieser Begegnung: 20 Veranstaltungen in den vergangenen vier Jahren, Vorträge vor Jugendlichen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, und der Wunsch, selbst einmal loszufahren. Ich will unbedingt Kurdisch lernen, sagt Andreas. Ich habe jetzt so viel gelesen und will das irgendwann vor Ort erleben. 200 Wörter kann er schon.

Nach der Lesung sprechen wir im Auto über das Kahramanmaraş-Massaker. Dezember 1978, mehr als 100 Tote, alevitische Kurden vor allem, gequält und ermordet von türkischen Nationalisten. Einfach so. Kurden und Türken. Die Fahrgemeinschaft ist sich nicht einig, ob das jemals funktionieren wird.

In Reutlingen wartet Hasan, seit 15 Jahren in Baden-Württemberg. Hasan würde gern wieder in die Türkei fahren, vielleicht sogar für immer. Er kann nicht. Hasan hat Erdogan verklagt, vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Kriegsverbrechen. Hasans Schwester ist in den Kellern von Cizre verbrannt, während der Ausgangssperre 2015/16. Im Wohnzimmer in Reutlingen lebt die junge Frau. Überall Bilder. Hasan hat Geologie studiert in Izmir, fünf Jahre lang. In Deutschland zählt das nicht. Er arbeitet jetzt für eine Reinigungsfirma und macht Musik, auch für seine Landsleute. Im September und Oktober sind die neuen Lieder besonders traurig, sagt er. Das Licht wird schwächer, und die Heimat ist immer noch fern.