Lübeck, 10. Oktober 2018

Mit den Erwartungen ist das so eine Sache. Eigentlich war die Lesung in Lübeck geplatzt. Eine Woche vor dem Termin, einfach so. Also auf die Schnelle Ersatz suchen. Nicht umsonst nach Norden reisen. Und dann das. Ein feiner Raum im Solizentrum (eher was für Punkbands oder Partys ohne Band), rappelvoll. 50 Menschen, die eine Stunde andächtig lauschen und dann fragen, zweifeln, diskutieren.

Zustande gebracht hat das ein Quartett: Interventionistische Linke,  La Rage (junge Leute um Max, der gerade Abitur gemacht hat und spontan als Moderator einspringt), das Flüchtlingsforum Lübeck und das Solizentrum selbst, das ein kleines Wunder ist. Eine linke Insel auf einem Filetstück in einer eher konservativen Stadt. Filetstück sagt Jens, der hier für Ordnung sorgt. Nebenan die Musik- und Kongresshalle, ein Luxushotel, das Holstentor. Parkplätze, sagt Jens. Parkplätze bekommen sie nie genug. Warten wir das nächste Jahr ab, sagt Jens. Nächstes Jahr läuft der Mietvertrag aus.

Heike bezweifelt, dass das so einfach gehen würde. Selbst in Lübeck oder gerade in Lübeck. Solidarität mit Flüchtlingen: Das hat hier eine Geschichte, die spätestens 1996 beginnt, mit einem Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft, bei der zehn Menschen sterben. Nicht noch einmal. Lübeck liegt am Mittelmeer. Als Lübeck im Herbst 2015 Transitfenster nach Skandinavien wird, schaffen es die Bürgerinnen und Bürger, gut 15.000 Menschen zu helfen. Links, bürgerlich, alle zusammen – auf der Walli, dem Herz der Szene. Das ist der Ort, wo man in Lübeck feiern gehen kann, wenn man noch nicht 18 ist, sagt Heike. Alle waren hier. Auch die, die heute im Rathaus sitzen oder in irgendwelchen Unternehmen. So einfach geht das mit dem Parkplatz nicht. Nicht in Lübeck.

Im Solizentrum reden wir über Rojava, natürlich. Wie sicher ist es da, macht es wirklich Sinn, sich dafür einzusetzen? Schwierig. Morgen in Kiel wollen wir weniger Werbung machen und mehr über Probleme reden. Vor Ort sieht eine Revolution nie so aus, wie sie in Büchern beschrieben wird. In Lübeck reden wir auch über Mut. Vielleicht hätten wir besser Kraft oder Optimismus gesagt. Wie schaffen es Menschen, immer wieder aufzustehen, auch wenn sie ihre Lieben verloren haben und verfolgt werden, daheim und hier in Deutschland?

Britta und Kai würden wahrscheinlich weder von Mut sprechen noch von Kraft oder Optimismus. Sie leben das einfach. Britta arbeitet in einem Waldkindergarten und Kai als freier Künstler. Psychodrama, Theaterpädogoge. Die Wohnung ist einer Villa ganz nah an der Wakenitz. Wie das geht bei diesen Berufen? Mietshäuser Syndikat. 16, 17 Menschen, die sich selbst organisieren.

Mit einer Freundin waren Britta und Kai im Hambacher Forst. Einmal nur, ganz am Anfang, sagen sie. Es sind fünf Stunden. Sie wollen aber wieder hin und schwärmen von Ende Gelände. Das sei fast wie Rojava. Ganz anders als irgendwelche Gipfel-Demos, wo alle laut schreien und dann doch auseinander laufen, wenn die Polizei durchdreht. Ende Gelände: Das sei Demokratie von unten. Nicht irgendwelche selbsternannten Anführer, die irgendwas entscheiden, sondern die Leute, auf die es ankommt. Ihre Augen leuchten. Auch dafür danke, Lübeck.