Leipzig, 3. Oktober 2018

Tag der Einheit, Stadt der Einheit. Das Pöge-Haus ist voll. Nicht ganz so voll, wie die Veranstalter gehofft oder befürchtet hatten (500 Interessenten auf Facebook, eine lange Rezension in der Leipziger Volkszeitung), aber immerhin. 70 Menschen. Einige müssen oder wollen stehen. Am Ende werden wir nicht einmal über den 3. Oktober gesprochen haben.

Rodi kommt aus Rojava. Seine Frau sächselt. Er will wissen, warum die Bundesregierung immer noch Erdogan unterstützt. Demokratie. Menschenrechte. Das geht doch nicht. Sie fragt nach dem Nordirak. Wie sieht man dort die kurdische Freiheitsbewegung und Abdullah Öcalan? Sind die Barzanis und die Talabanis wirklich so viel anders? Beide loben unser Buch. Neutral und auch für die geeignet, die noch nicht viel wissen. So etwas habe gefehlt.

Wie immer geht es um Rojava, um den Demokratischen Föderalismus. Woher kommt das Geld, hat das eine Zukunft? Und: Gibt es im Westen oder sonst in der Welt Vergleichbares? Hinterher, als der Saal schon leer ist, ziehen zwei Gäste Parallelen zu Religionen. Das Christentum und die Bahá’í. Das sei doch alles gar nicht so weit weg von Rojava und Öcalan. Nun ja. Die Menschen suchen, auch in Leipzig.

Ein Leser will wissen, ob es bei der Recherche Probleme gab. Türkische Nationalisten oder so. Vielleicht muss man das fragen im Pöge-Haus, nur eine Minute weg von der Eisenbahnstraße, die sich in das kollektive Gedächtnis als gefährlichste Straße Europas eingebrannt hat. Kerem erzählt von der Hausdurchsuchung im November und von seiner Fahrt zur Lesung in Wien vor zwei Wochen. Fast wäre er nicht angekommen. Drei Stunden Pause an der Grenze und immer wieder Fragen zu unserem Buch.

Moderator Uwe Krüger

Auf Facebook kann er gerade nichts posten. 30 Tage gesperrt, pünktlich zum Erdogan-Besuch in Deutschland, mit einer fadenscheinigen Begründung, die man nicht ernsthaft Begründung nennen kann. Der unendlich weite Raum des Sagbaren, den die Internet-Apologeten feiern, wird schnell ziemlich klein, wenn man Freiheit für Abdullah Öcalan fordert und bezweifelt, dass jede Kurdin eine Terroristin ist.

Sonst? Die Angst geht um in der Heldenstadt. Oder besser: eine Sorge, zumindest bei denen, die im Pöge-Haus ein und aus gehen. Drei Wahlen 2019. Stadt. Region, Europa. AfD. Mehr muss man gar nicht sagen. Die CDU versucht es in der Eisenbahnstraße gerade mit Law and Order. Erfolg ungewiss.

Das Pöge-Haus ist sozusagen das Gegenmodell. Bunt, sagen die Veranstalter, das Institut für Solidarische Moderne und DiEM25 (Democracy in Europe Movement 2025). Heute noch bunter als sonst in Leipzig. Und jünger. Die Linkspartei in Sachsen hatte vor zwei Jahren einen Altersschnitt von 68, hören wir bei Baklava und Tee. Jetzt komme die Jugend. 400, 500 Neueintritte. Menschen, die mehr wollen, als über die alten Zeiten zu klönen. Menschen, die die Stadt verändern werden.