Göttingen, 4. Oktober 2018

Die Stadt empfängt uns mit einem Orhan-Pamuk-Plakat (Göttinger Literaturherbst) und einem ultrabreiten Radweg. Wow. Ein paar Schritte weiter wartet Michael Sulies in der verdi-Geschäftsstelle. Sulies ist im örtlichen Rosa-Luxemburg-Club aktiv. Eine mittelgroße Koalition, zusammengebracht durch ein Buch über die Kurden, für das sich hier und heute knapp 30 Menschen interessieren.

Michael Sulies kann das: eine Veranstaltung moderieren. Zwei Jahre Public-History-Kurse an der Universität. So jemand schafft es, in drei Minuten einen Bogen zu schlagen von der kurdischen Geschichte über Rojava und die Lage in der Türkei bis zu den Polizisten, die Kerem Schambergers Wohnung vor knapp einem Jahr in aller Herrgottsfrühe heimgesucht haben.

Diese Geschichte ploppt nachher in der Diskussion wieder auf. Gab es irgendwelche Probleme bei der Recherche, fragt ein Leser. Hat euch irgendjemand behindert? Antwort eins: eigentlich nicht. Jedenfalls nicht direkt. Antwort zwei ist dann komplexer. Die Hausdurchsuchung. Die zig Verfahren, die Kerem am Hals hat, weil er die YPG-Fahne gepostet oder getragen oder sich sonst irgendwie für kurdische Freundinnen und Belange eingesetzt hat.

Von da sind wir schnell bei den neuen Polizeigesetzen. Was für die Kurden in Deutschland längst Alltag ist, sagt Kerem, war für uns andere nur das Vorspiel. Ein Testlauf. Wenn wir nicht aufpassen.

Auch in Göttingen lernen wir wieder dazu. Was Ismail Küpeli bei uns im Buch über die Aufstände in der jungen Türkei erzählt, über das, was die Regierung Atatürk in den 1920er und 1930er Jahren in den kurdischen Gebieten angezettelt hat, um ihre Vision von Einheitsstaat Wirklichkeit werden zu lassen: Das alles ist keineswegs unumstritten, jedenfalls nicht in der verdi-Geschäftsstelle Göttingen. Küpelis Dissertation wird für Aufsehen sorgen, so oder so.

Am Ende wieder ein Soli-Foto

Und dann ist da das Völkerrecht. Der Vertrag von Lausanne von 1923, mit dem die moderne Türkei beginnt, der Zwangsumsiedlungen legitimiert (etwa die der Griechen) und für manche Kurden den Hoffnungsschimmer verglimmen lässt, den sie in den Vertrag von Sèvres (1920) hineingelesen haben. Läuft Lausanne nicht 2023 aus, fragt eine Jurastudentin. Und ist das nicht der Dreh, mit dem Erdogan den Angriff auf Afrin nachträglich rechtfertigen könnte? So ähnlich klang das gestern bei einer Juristin in Leipzig, die gerade an diesem Thema arbeitet. Vielleicht hilft ihre Studie weiter.