Kiel, 11. Oktober 2018

Hier oben weht ein anderer Wind. Gegenwind. Was das mit den Fahnen da vorne soll, fragt eine Frau. YPG und YPJ: Das sei nicht Kurdistan oder allenfalls ein Teil davon. Und schon sind wir mittendrin in der Politik, in der großen genau wie in der kleinen.

Der Hörsaal in der Christian-Albrechts-Universität ist gut gefüllt. 70 Leute, werden die Veranstalter hinterher sagen. Vielleicht auch 73 oder 75. Ein paar sind zwischendurch gegangen. Zu viel PKK und Öcalan vielleicht. Zu viel Türkei und Rojava und zu wenig Südkurdistan, Barzani, Talabani. Kurdistan ist größer, sagt ein Mann. Und: Auch im Nordirak könne man nicht einfach machen, was man wolle. Geopolitik, wie in Syrien.

Er hat natürlich genauso Recht wie die Fahnenfrau, einerseits. Kurdinnen und Kurden sind Spielball und Opfer der Mächtigen in dieser Welt. Seit hundert Jahren und nicht nur in der Türkei. Grund genug, dieses Volk zu unterstützen.

Andererseits ist das Projekt Rojava das, was die Menschen elektrisiert. Demokratischer Konföderalismus. Ein neues Modell des Zusammenlebens, jenseits von Nationalstaat, Männerdominanz, Umweltzerstörung. Nicht perfekt, natürlich nicht. Der Krieg, die Last des Erbes (Assad, Religion, Tradition), Embargo, Bodenerosion, Hitze. Trotzdem.

Auch Kiel hat demonstriert, als die Türkei im Januar den Rojava-Kanton Afrin überfallen hat. Nicole, die in den Abend einführt, lächelt leicht gequält. So groß sei das ja leider nicht gewesen, was man da auf die Straße gebracht habe. Und dann die Vorwürfe von denen, die zu Hause saßen. Ihr Ruhestörer. Lasst uns in Frieden. Und das, obwohl in Afrin auch deutsche Waffen eingesetzt wurden.

„Die Stunde der Matrosen“ heißt die aktuelle Ausstellung im Schifffahrtsmuseum. Hundert Jahre Kieler Aufstand. Wenn man hinausfährt in die Förde, sieht man das andere Kiel. Das U-Boot-Denkmal mit Adler (aber ohne Hakenkreuz) in Möltenort, das Kriegerdenkmal in Laboe, die „Seebadeanstalt“ der Krupps, in der heute das Institut für Weltwirtschaft residiert.

Sebastian, Ende 20, Kieler durch und durch, gehört eher auf die Seite der Matrosen. Kommunistischer Uradel, wenn man so will. Der Urgroßvater: in Deutschlands dunklen Jahren dabei, als Menschen nach Skandinavien gebracht werden mussten und die Partei auf dem Rückweg Gedrucktes transportierte. Die Großeltern: entsetzt, dass es nach dem Krieg nicht vorbei war, zumindest nicht in dem Teil des Landes, zu dem Kiel gehörte. Das KPD-Verbot. Meine Mutter hat mir von einer Hausdurchsuchung noch in den 1970ern erzählt, sagt Sebastian. Polizisten,  die dem Großvater die Tür eingetreten haben, wegen eines Schwarzbuchs über die Union.

Ganz glücklich waren die Eltern offenbar trotzdem nicht, als der Sohn plötzlich in der SDAJ auftauchte. Wie das so ist, wenn man alle Kampfe gekämpft hat und nicht will, dass die Kinder das alles wiederholen.

Heute ist Sebastian im Landesvorstand der Linkspartei und weiß auch, warum unsere Lesung in Lübeck fast geplatzt wäre. Die Fraktion im Stadtrat, sagt er. Man habe testen wollen, ob das auf dieser Ebene geht: etwas zu den Kurdinnen und zu Kurdistan machen. Als es da Probleme gab, habe man einfach versäumt, das auf eine andere Ebene zu heben. Stadtverband, Landesverband, whatever.

Egal. Ende gut, alles gut. Ganz so harmonisch wie in Lübeck war es in Kiel dann nicht, und das nicht nur wegen der Fahnen und dem Nordirak. Aus der vorletzten Reihe kommt das Wort Antisemitismus. Ein Interview mit einer Kandil-Kämpferin, bei dem es auch um die Hamas gegangen sei. Mmh. Mit seiner zweiten Frage rudert der junge Mann dann in Richtung Saal-Mehrheit. Die Sache mit der Frauenbefreiung: Das finde er schon interessant. Wo man denn mehr darüber lesen könne. Womit wir doch wieder bei Abdullah Öcalan sind. Ein Dank an Kiel, ein Dank an die Veranstalter (Rosa-Luxemburg-Stiftung, SDS, Autonome Antifakoordination, marxistische linke, Kurdistan-Solidaritärskomitee).