Zürich, 25. Oktober 2018

Ein Konzertsaal in der Roten Fabrik. Es riecht nach Punk und Heavy Metal und sieht auch so aus, zumindest auf dem Klo. Auf der Bühne steht heute ein schwarz gedeckter Tisch, und auch ganz hinten auf der Tribüne sitzen Fans im Dunkeln. Super.

Ganz allein gehört uns dieses Publikum nicht. Die letzten 30 Minuten sprechen Servan und Cemile aus Rojava, die für einen Tag in Zürich sind. 30 Minuten mit Dolmetscherin, als wir eigentlich schon fertig sind. Anstrengend. Aber nicht zu vergleichen mit dem, was die beiden durchgemacht haben.

Soli-Foto für die Flüchtlinge im Flughafen-Terminal

Servan erzählt vom Korridor, den es 2014 für die Jesiden gab, und vom Wunsch nach Wiederaufbau. Cemile war in Afrin, als die Türkei dort eingefallen ist. Da gab es keine Terroristen, sagt sie. Alles nur erfunden, um den Krieg zu legitimieren. Ein Krieg gegen Frauen und Kinder, gegen die Zivilbevölkerung. Die Ziele der Angreifer: Wasserversorgung, Krankenhäuser, Apotheken, Schulen, Bäckereien. Was man so braucht zum Leben und für die Zukunft. Wo war die Welt, fragt Cemile. Was soll all das Gerede von den Menschenrechten, wenn alle wegschauen?

In der Roten Fabrik predigen Servan und Cemile zu den Bekehrten. Maja ist da, für Medico aktiv und jedes Jahr für eine Woche in Gaza. Psychodrama, wieder, wie schon bei unserer Station in Lübeck. In Gaza geht es um die Therapeuten, die dabei gleich selbst eine Therapie bekommen. Wer weiß, wie lange das noch geht, sagt Maja. Man sieht ihr die Anstrengung an.

In der Roten Fabrik kann man heute auch Trikots von Amedspor kaufen, bei einem Studenten aus Sachsen, den es an die ETH verschlagen hat. Er kommt aus der Ultra-Szene und hatte mit den Kurden nichts am Hut, bis ein paar Groundhopper diesen Verein im Osten der Türkei entdeckten und darüber geschrieben haben. „Direniş – Fußball im Ausnahmezustand“. Ein schönes Heft.

Nicole eröffnet den Abend

Moderiert wird der Abend von Nicole. Sie war 2015 zu Newroz in Kobane, kurz nach dem Sieg über den IS. Eine kleine Feier, vielleicht 500 Leute. Angst? Ein bisschen Nervenflattern, klar, sagt Nicole. Aber auch ein Gefühl von Sicherheit. Keine Waffen auf dem Festplatz, nicht einmal ein Schweizer Messer. Und Autos so weit weg wie möglich.

Für Nicole war das eine zweite Hochzeitsreise. Newroz 2015: Da werde er zurück sein aus Kobane, hatte Cahit ihr versprochen, der Mann, den sie 2008 geheiratet hat.

Cahit ist Jahrgang 1975. Schon als Kind hat er verletzte Kämpfer gesehen. Sein Bruder ist in die Berge gegangen und gefallen. Cahit selbst hat es nicht dorthin geschafft. Auf dem Weg verhaftet, 1996. Zwölf Jahre Gefängnis, nach acht entlassen. Ich kann nicht mehr scharf essen, sagt er. Und ich merke nicht mehr, ob ich satt bin. Die Hungerstreiks. Der längste 35 Tage.

Im Sommer 2014 waren Nicole und Cahit in Russland unterwegs. Urlaub. Und der IS vor Kobane. Sie haben diskutiert, drei, vier Tage lang. Und dann ist Cahit gegangen. Er hat eine Freundin sterben sehen an der Grenze. Kader Ortakaya. Natürlich sitzt man da nicht gleichgültig zu Hause, sagt Nicole. Ihr Mann. Sie habe auf das gebaut, was er kann. Und auf seinen Überlebensinstinkt.

Cahit hat in Kobane Journalisten begleitet, Kurt Pelda vor allem, damals eine wichtige Stimme direkt aus dem Kampfgebiet. Übersetzen, Wege an die Front finden. Cahit war dann früher zurück als geplant. Newroz 2015: ein Freudenfest, in jeder Hinsicht.

Nicole und Cahit hatten inzwischen fast alle Helden aus unserem Buch zu Gast für Vorträge, Diskussionen. Ismail Küpeli, Ercan Ayboga, Peter Schaber, Michael Knapp. Und nun auch uns. Danke, Nicole und Cahit, danke Zürich.