Bern, 26. Oktober 2018

Der Enkel von Teslim Töre ist da. Seid ihr morgen noch in Bern? Mein Opa hat Öcalan gekannt. Das wird bestimmt lustig. Teslim Töre ist eine Ikone der Linken in der Türkei. Schon in den frühen 1970ern im bewaffneten Kampf, zeitweise bei der PLO, 2004 zu einer ultralangen Haftstrafe verurteilt und deshalb jetzt in Bern.

Eine halbe Stunde vorher ist es noch leer in der Französischen Kirche. Wir haben Stühle aufgestellt, genießen die Akustik (ein Raum eher für Klavier und Flöte) und warten. Dann kommen die Menschen und mit ihnen ihre Geschichten.

Robin zum Beispiel, Ende 20, gelernter Automechaniker und jetzt Kraftfahrer. Fünfmal verurteilt wegen Landfriedensbruch. Dazu braucht es nicht viel, sagt er. Eine Menschenmenge (wie bei jeder Demo), eine aufgeheizte Atmosphäre (das beurteilt die Polizei) und Sachbeschädigung. Der Bauzaun etwa, auf den Robin und seine Freunde etwas gesprüht haben. No border, no nation. Keine Festung Europa.

Die Polizei verdächtigt Robin, auch bei der großen Aktion im Frühjahr 2017 dabei gewesen zu sein. Ein Demowagen mit einem Transparent, das es in die Leitmedien geschafft hat und in die Diplomatie. „Kill Erdogan with his own weapons“. Im Bild: eine Pistole seiner Leibgarde und Munition aus der Schweiz.

Zweimal wurde der Botschafter in Ankara einbestellt, sagt Claudio, 23, der auch irgendwie verdächtig ist, weil er immer dabei ist, wenn in Bern demonstriert wird. Claudio freut sich jetzt auf den Prozess. Der Anwalt sei gut. Und die Gelegenheit für Propaganda noch besser.

Bei der Lesung kann Claudio nicht dabei sein. Er muss heute Abend Cocktails mischen. Solibar in der Reitschule. Negroni und White Russian, jeweils zehn Franken. Gewinn für die nächste Aktion: sieben oder acht pro Becher.

Seda wohnt in der Reitschule. Miete 250 Franken. Weniger geht nicht in Bern. Wie Teslim Töre ist sie vor dem Gefängnis aus der Türkei geflohen. Siebeneinhalb Jahre. Seda war in der MLKP. Marx, Lenin, Kommunismus. Alles in einer Partei. Die Schweiz war der größte Fehler ihres Lebens, sagt Seda. Auch ein Gefängnis. Sie wäre längst zurück gegangen, wenn da nicht ihre Mutter wäre. Bleib dort, mein Kind. Ich ertrag das nicht. Du hinter Gittern.

Vor der Reitschule

Die Reitschule ist ein Ort, den es so in München nicht gibt. Wahrscheinlich auch sonst nirgendwo. Wir passen schon auf, dass die Polizei hier nicht herkommt, sagt Robin. Drinnen wird heute getanzt, in allen Räumen. Techno, HipHop (feministisch!), laut. Eintritt: 25 Franken. Wer das nicht zahlen will oder kann, steht draußen und füllt Claudios Solikasse. Ein paar Hundert junge Menschen. Dope liegt in der Luft. Ein bisschen schade fast, dass sie vorhin nicht auch in der Kirche waren.