Marburg, 8. November 2018

Im Hörsaal zwei Polizisten in Zivil, vor der Tür ein Streifenwagen mit laufendem Motor. Etwas spooky. Es hat Verleumdungen gegeben im Vorfeld und eine Wandschmiererei am Fachschaftszimmer. Zwei der drei Wörter: „Kerem“ und „boxen“.

Sprache schafft Realität. Die Hochschulleitung hat Polizeischutz angeordnet, und die Pension, in der Kerem eigentlich wohnen soll, mag ihn plötzlich nicht mehr haben. Unsere Rezeption, heißt es. Nicht rund um die Uhr besetzt. Wir können für nichts garantieren. Wir schlafen dann im Gasthaus „Elisabeth“, Rezeption von 14 bis 18 Uhr. Fein.

Zur Realität von Skandalisierung gehört ein gut gefüllter Saal. Das haben wir schon in Freiburg gelernt. Auch in Marburg mehr als 100 Menschen, und alle gut beschützt.

Ümit wäre ohne den ganzen Wirbel nie Moderator geworden. Seine Fachschaft Politikwissenschaft war zwar bei der Organisation der Reihe „Die neue Türkei“ dabei, Idee und Führung lagen aber eigentlich bei den Kommilitonen vom Centrum für Nah- und Mittelost-Studien. Dort hat die Fraktion der türkischen Nationalisten die Attacken gegen Kerem für einen Putsch genutzt. Endlich ein Anlass, um die Kurden-Versteher loszuwerden.

Das ist schon aberwitzig: Da faselt eine Gruppe was von Antisemitismus, und eine andere Gruppe, bei der man da wirklich nicht ganz sicher sein kann, nutzt das für ihre Zwecke aus. Ein Schulterschluss von Fortschrittsgegnern, von denen sich manche selbst für fortschrittlich halten und in ihrer Verblendung gar nicht merken, mit wem genau sie sich da verbünden (zum Beispiel mit den Grauen Wölfen).

Immerhin: Einen Schulterschluss gab es auch auf der anderen Seite. Ümit sagt, dass sich die Fachschaft Politikwissenschaft plötzlich einig gewesen sei. Dazu ganz viel Solidarität von Linken aus der Stadt. Druck von außen schweißt zusammen. Was so eine Lesung alles bewirken kann. Die Veranstaltung selbst? Eher ruhig. Vielleicht ist so ein Hörsaal zu groß für ein Gespräch. Nächste Woche kommt Ismail Küpeli nach Marburg. Ein bisschen kennen ihn die Leute jetzt schon.

Buchladen in Wien, gestern

Eine schöne Nachricht aus Wien: Eine Leserin hat unser Buch prominent platziert im Laden gesehen und geschrieben, was ihr im Zug passiert ist. Buch ausgepackt und gleich mit den Türken gegenüber ins Gespräch gekommen. Na bitte. Nun auf ins Wendland, mit dem Zug und ganz ohne Polizei.