Platenlaase, 9. November 2018

Na bitte: geht doch. Man muss nur ins Wendland fahren und schon sieht das Buch so aus, dass keine Leserin mehr klagen kann. „Die Kurd*innen“ rufen die Plakate für die Lesung. Frauenbefreiung auf dem Titelblatt.

Kerstin, natürlich. Ein Leben im Kampf gegen die Atomkraft. Im Februar 1977 steht Ernst Albrecht, Ministerpräsident von Niedersachsen, vor einer Landkarte und zeigt auf Gorleben. Hier soll der Atommüll hin, für immer.

Kerstin ist ein Schulkind damals, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis sie mitten drin ist in den Protesten. Aufklärung, Versammlungen, Aktionen. Von 2007 bis 2012 hat sie die Bürgerinitiative Umweltschutz geleitet. BI, sagt Kerstin, und erzählt vom letzten Castor-Transport 2011. Wir haben gelernt. Nicht mehr 48 Stunden in den Stiefeln und im Wald. Zwischendurch mal nach Hause, ein bisschen schlafen und dann mit frischer Kraft ans Werk. Mehr als fünf Tage Verzögerung, obwohl der Staat 30.000 Polizisten aufbietet und hinterher vom härtesten Einsatz in der Castor-Geschichte sprechen wird.

113 Behälter stehen jetzt im Zwischenlager. Alles umsonst gewesen? Auf keinen Fall, sagt Kerstin. Das Endlager gibt es bis heute nicht. Und dann das, was in den Köpfen passiert ist, nicht nur in Sachen Atom. Viele, die auf den Straßen und auf den Schienen dabei waren, kümmern sich heute um Flüchtlinge.

Kerstin wohnt in einem Fachwerkhaus, gleich hinter dem Deich, nur ein paar Kilometer weg vom Endlager. Ein strategisch günstiger Platz, wenn man Demos anmelden will und einen Bauern braucht, der all die bunten Menschen auf seinen Feldern duldet. In diesem Herbst war sie in den USA. Drei Wochen in Texas, Washington, New England. Ihr Wissen weitergeben. Warnen vor dem Atom. Jeden Tag Auftritte, Interviews. Die Lobby hat einen neuen Dreh gefunden. Klimawandel. Atomstrom statt Kohle, Gas und Öl. Denen doch egal, woran wir sterben und was aus unseren Kindern wird.

Mit den Kurden habe sie sich lange nicht beschäftigen wollen, sagt Kerstin in Platenlaase, wo der Kulturverein Kino macht, Theater, Konzerte. Die Kurden: noch so ein Thema, in das man sich einarbeiten muss. So komplex, das alles. Vor zwei Jahren war dann etwas Luft. Kein neuer Castor, die sechs Kinder langsam erwachsen. Ismail Küpeli war schon in Platenlaase. Volles Haus damals, auf dem Höhepunkt des Afrin-Krieges.

Jetzt wir. Gut 40 Leute. Es muss ohne Mikro gehen, weil der Lautsprecher in Dannenberg gebraucht wird. Es ist der 9. November. Dirk erzählt vom Gasthof Meuchefitz und dem Polizeieinsatz im Februar. Ein riesiges Aufgebot in voller Montur, um eine Fahne einzusammeln, auf der auch YPG stand. Nach einer Atomdemo im Mai sind ein paar Leute nach Hitzacker gefahren und haben vor dem Haus eines Beamten gesungen, auch mit kurdischen Fahnen. Alle Kämpfe hängen zusammen, irgendwie.

Heute hat Dirk Suppe gekocht, mit Tofu aus eigener Produktion. Dazu Hummus von Kerstin, Salat von Uta. Am Morgen danach durch Gorleben zur Beluga gejoggt, ein Schiff von Greenpeace mitten im Wald. Perfekt. Danke, Kerstin. Weiter, immer weiter.