Offenburg, 17. November 2018

Werner ist dann doch nicht ganz bis zum Schluss geblieben. Vorher hatte er gebrummelt. Ganz nett, was ihr beide da so erzählt. Aber ihr macht es euch zu leicht. Kurden vs. Türken. Da hab ich schon ein bisschen mehr erwartet.

Werner hat ein Antiquariat. 40.000 Bücher. Richtig gut läuft dieses Geschäft schon lange nicht mehr. Das Internet. Und die Leser. Früher, ja. Früher kamen schon mal Bestellungen von 1000 Mark und mehr.

Das war die Zeit, als Werner eigentlich Lehrer werden wollte. In Baden-Württemberg, als Kommunist. Fast hätte das sogar geklappt, trotz Radikalenerlass, erzählt er uns im Istanbul, ein paar Schritte neben dem „Linken Zentrum Offenburg“. In der DDR sei über ihn berichtet worden, in der Sächsischen Zeitung. Da haben die Mächtigen links und rechts der Mauer offenbar ganz ähnlich getickt. Dem Gegner keinen Angriffspunkt bieten. Vielleicht sogar jemanden wie Werner auf Kinder loslassen, damit der Osten nix zu meckern hat. Und Werner? Ich wollte nicht mehr, sagt er.

Im „Linken Zentrum“ sitzt er mit lauter jungen Leuten. So viele Schüler hatten wir noch nie. Yannik ist trotzdem nicht ganz glücklich. „Ich dachte, es kommen doppelt so viele. Die linke Jugend ist stark in Offenburg. Am 9. November hatten wir 500 Jungs und Mädchen, die Stolpersteine sauber gemacht haben“.

Yannik war zweimal mit Jugenddelegationen in Kurdistan. Dass er erst 25 ist, glaubt man kaum. Die Linken in der Ortenau kämpfen für die Krankenhäuser. Jeder, mit dem wir sprechen, erzählt zuerst, wie groß der Landkreis ist. Lange Fahrten von Kehl nach Lahr nach Offenburg in die Dörfer. Keine Chance, wenn man in 30 Minuten einen Arzt braucht und der Kommerz am Ende doch gewinnen sollte. Yannik und seine Freunde wissen alles über Röntgengeräte, Notfallnormen, Schichtdienstprobleme.

Untergekommen sind wir im Wohnprojekt Mühle in Renchen. Ein tolles Haus, wo sich Flyer für die nächste Kommunalwahl in der Küche stapeln. Yannik wohnt nicht hier. Er hat sein Glück als Flüchtlingshelfer gefunden. Eine Frau aus Aleppo. Ein ganz eigene Geschichte, in der es um Religion geht, um Konvertierung und um einen Onkel, der die Hochzeit nach zwei Wochen anfechten wollte. Vielleicht hat auch all das Yannik schneller reifen lassen.