Köln, 5. Dezember 2018

Vorspiel auf dem Wallrafplatz. Jeden Mittwoch wird hier um 18 Uhr demonstriert, seit mehr als einem halben Jahr. Freiheit für Adil Demirci. Es ist kein Verbrechen, ein Journalist zu sein.

Adil hat für die Nachrichtenagentur ETHA gearbeitet. Man kennt diese Abkürzung auch in Deutschland. Mesale Tolu. Festgenommen wurde Adil im April, im Urlaub, einen Tag, bevor er zurück nach Köln wollte. Terrorpropaganda, was sonst. Adil hat von drei Beerdigungen berichtet und wartet im Hochsicherheitsgefängnis Silivri auf das, was der türkischen Justiz dazu einfallen mag.

Familie, Freunde, Kolleginnen wollen nicht nur warten. Präsent sein im Herzen Kölns, auch im Weihnachtsrummel. Wir zeigen Adils Foto dann auch im Uni-Hörsaal. 70 Menschen und darunter sicher ein paar, die von dieser Geisel Erdogans gehört haben.

Gefragt wird diesmal viel zur Gründungsgeschichte der Türkei. Zum Geburtsfehler dieser Republik (Minderheiten vertreiben oder türkisieren wollen), zu einer Säkularisierung, bei der die Religion verstaatlicht wurde, zu kurdischen Aufständischen, die (wie etwa Scheich Said) etwas ganz anderes im Sinn hatten als heute die Jünger Abdullah Öcalans.

Ein junger Mann möchte über die Beziehungen zwischen Kurdistan und Israel sprechen, aber eigentlich vor allem über die Kampagne, die gegen unsere Lesetour läuft. Marburg war da nur die Spitze des Eisbergs. Raumabsagen in Darmstadt, Bremen, Frankfurt, Hildesheim. Gruppen, die sich distanzieren, die zum Boykott aufrufen. Vorwand: entweder Antisemitismus oder Verschwörungstheorie.

Also: Wie stehst du zu BDS, Kerem? Antwort eins: wie alle Internationalisten. Unterdrückte haben das Recht, selbst zu entscheiden, wie sie kämpfen wollen. Auch die Palästinenser. Antwort zwei: Wer Lesungen zum Buch über die Kurdinnen wegen eines Themas bekämpft, um das es dabei normalerweise gar nicht geht (außer hier in Köln), der macht sich zum Handlanger von Leuten, denen es ganz generell nicht passt, dass in öffentlichen Räumen überhaupt über Kurdistan gesprochen wird. Über den Krieg, den die Türkei gegen kurdische Städte und Menschen wie Adil Demirci führt, über Abdullah Öcalan und die kurdische Freiheitsbewegung, über die Revolution in Rojava.

Agit, bei dem wir dann wohnen, kommt aus Afrin. Das letzte Mal war er 2011 dort, kurz vor dem Beginn des Kriegs in Syrien. Die Kurden dort sind etwas anders als in den anderen Kantonen Rojavas, sagt er. Nicht ganz so stark unterdrückt von Assad und deshalb auch eher bereit zu Kompromissen. Agit schwärmt von den Olivenbäumen und davon, was diese Bäume mit der Luft machen. Herrlich. Vielleicht macht auch das etwas mit uns. Vorbei, seit die Türkei im März dort einmarschiert ist. Sein Vater habe geweint, sagt Agit, als das Fernsehen brennende Olivenhaine zeigte. Er weint sonst nie. Wenn alles vorbei ist, wenn Frieden ist und Kurdistan frei, dann sollen wir vorbeikommen. Etwas Käse, etwas Fleisch und die besten Oliven der Welt.