Mainz, 6. Dezember 2018

Antonio und Pablo waren am Ende das kleinste Problem. Zwillinge, 13 Wochen alt. Die beiden Jungs haben uns ausgehalten. Kein Mucks. Nicht so der Tisch im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Es kracht gleich zu Beginn der Lesung, und nicht nur Selin sitzt plötzlich auf dem Boden.

Selin ist berühmt, irgendwie. Sie hat es ins türkische Fernsehen geschafft. Eine Woche rauf und runter gesendet, dieses Video aus Wiesbaden. Die Hand haben sie verpixelt, sagt Selin. Das Gesicht nicht. Mit 15 Frauen war Selin zu diesem riesig-goldenen Erdogan gefahren. Protestieren gegen eine Statue mitten in einem AKP-Wohngebiet, die zum Wallfahrtsort zu werden drohte. Und da standen dann diese türkischen Jungs, vollgepumpt mit Hass. Wer hätte da nicht den Mittelfinger gezeigt.

Letzten Samstag war Selin in Berlin, halb krank. 25 Jahre PKK-Verbot. Da hat mich dieser Polizist gerempelt, sagt sie. Cem. Überhaupt: lauter Türken in deutschen Uniformen. Bei einer Demo der Kurden. Selin ist seit 2003 hier. Geflohen mit der Familie aus Izmir, mit einer kurdischen Familie wohlgemerkt, schon lange davor vertrieben aus der Heimat. Und immer noch keine Ruhe, nirgendwo.

Die Lesung in Mainz hat was von spontan. Eigentlich gab es den Termin seit x Wochen, aber so richtig geworben wurde erst drei Tage vorher. Trotzdem 35 Leute, nicht genug Stühle, ein kaputter Tisch und viele Fragen. Repressionen hier, Hoffnungen und Ängste da. Gramsci hätte das gefallen. Den hegemonialen Diskurs herausgefordert, und der Zwerg, der seinen Namen trägt, hat freundlich gelächelt.