Hanau, 7. Dezember 2018

Schön, diese Metzgerei, sagt Kerem, und die Leute lachen. Knapp vorbei ist auch daneben. Kulturzentrum Metzgerstraße Acht. Einst das Moulin Rouge von Hanau. Ein Striplokal, besetzt vor mehr als 30 Jahren, und jetzt nicht mehr wegzudenken aus dem Milieu, das sich auch für die Kurdinnen interessiert.

Hagen war dabei damals. Heiligabend, sagt er. 18 Uhr, Glockengeläut. Und viel Polizei. Irgendwann haben sie aufgegeben, und Hanau hatte diesen Ort erobert. So etwas bleibt, bis heute, genau wie die Startbahn West. Am Tag vor unserer Lesung war Hagen fast bei uns zu Hause, im Bellevue di Monaco. Über die solidarische Stadt diskutieren. All das Aufbegehren gegen die neoliberale Welt zusammenbringen.

Prost auf Lesung Nummer 25
Thomas ist gerade erst aus Rojava zurück, zum zweiten Mal schon in diesem Jahr. Er arbeitet dort mit Erzieherinnen. Das verarbeiten, was der Krieg in den Köpfen hinterlassen hat. Thomas ist Traumapädagoge. Er erzählt von einer Frau, die wissen wollte, wie sie mit ihrem Sohn umgehen soll, mit einem Jungen aus Kobane, der dabei war, als der IS seinen Vater in der Küche enthauptet hat. Seitdem lässt er die Mutter nicht mehr los. Nach einer Weile, sagt Thomas, habe er gemerkt, dass er mit der Frau anfangen muss. Auch sie war in jener Küche.

So ein Traumapädagoge vor Ort zählt mehr als tausend Bücher. Die Menschen zum Reden bringen, die Spannung aus den Körpern nehmen. In Kobane hat Thomas auch gefeiert: ein Waisenhaus, mitfinanziert vom Verein Städtefreundschaft Frankfurt-Kobane. Die Bilder von der Eröffnung sind bunt und fröhlich. Dann waren Putin, Macron und Merkel bei Erdogan. Und einen Tag später wurde auf Rojava geschossen.

Das war ein anderes Gefühl als sonst, sagt Thomas. Nicht unbedingt Angst, nein. Aber die Gewissheit, dass diese Revolution schnell zu Ende sein kann. Erst Afrin und jetzt wieder. Im Frühjahr seien die Menschen geschockt gewesen. Und jetzt manchmal verzweifelt und resigniert.

Die Stadt der lebenden Toten habe ein YPG-Veteran über Qamislo gesagt, die Metropole im Norden an der türkischen Grenze. Keine Zukunft, nirgends. Die Enkeltöchter dieses Kämpfers standen auf dem Dach ihres Hauses, als Erdogans Luftwaffe Nusaybin bombardiert hat, auf der anderen Seite der Mauer, im Krieg gegen kurdische Städte, von dem wir auf unserer Tour berichten. Die Mädchen haben gesehen, was ihnen blüht, wenn die USA den Norden Syriens aufgeben und Ankara so nicht mehr stoppen kann.

Um diesen Pakt mit dem Imperialismus geht es auch in der Metzgerstraße in Hanau. Schwer zu verstehen, wenn man mit Marx im Kopf und einem Bier in der Hand eine Revolution plant, aber leicht zu erklären, wenn man wie Thomas oder Michael Wilk ständig vor Ort ist. Schön, solche Helfer im Publikum zu haben.