Weihnachtsbilanz

Das Buch sei ein „monologisches Medium“, hat Hans Magnus Enzensberger vor einem halben Jahrhundert in seinem „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ behauptet. „Produzent“ und „Leser isoliert“, „Feedback und Wechselwirkung“ äußerst begrenzt, die einmal gedruckte Auflage „unbelehrbar“. Wie gesagt: Das war vor einem halben Jahrhundert. Unsere Lesetour ein Monolog? Alles, nur das nicht. Event, Gespräch, Aktivismus und – Dankbarkeit, vor allem von unserer Seite.

1500 Menschen in 25 Städten. „In Deutschland und sogar Österreich“ schreibt ein „Kunde“ auf Amazon. Die Schweiz, nicht zu vergessen. Die Schweiz ist großartig. So ein Buch für 20 und ein paar Franken? Na klar doch. Da kostet jede Pizza mehr. In der Schweiz sind wir auch sonst auf offene Türen gestoßen. Wo die PKK nicht verboten ist, müssen Sympathisanten der kurdischen Freiheitsbewegung nicht ganz so vorsichtig sein. Und die anderen wissen mehr, weil die Journalisten anders berichten.

Als Medienforscher lernt man auch dann viel, wenn man ein Buch über die Kurdinnen schreibt. Zum Beispiel: Wie funktioniert das mit den Rezensionen? Der Verlag gibt sich Mühe, keine Frage. Ein Hochglanzheft, das jede Redaktion bekommen kann und das die meisten auch ordern. Viele bestellen sogar das Buch, schreiben dann aber nichts darüber. „Traditionelle“ oder „klassische“ Medien, die für sich beanspruchen, über und für die „Mitte“ der Gesellschaft zu berichten: Das ist für unser Buch die rote Linie. Lob, intensive Auseinandersetzung, teilweise auch Kritik links von dieser Linie (vor allem bei Online-Angeboten), Schweigen rechts davon.

Die Lesereise produziert Ausnahmen. Journalistinnen wollen ihre Leser vorher informieren, kommen dann manchmal sogar selbst und schreiben hinterher über die Veranstaltung oder über das Buch. So passiert in Leipzig, in Tübingen, im Wendland. Auch dafür lohnt es sich, durch das Land zu fahren.

Wichtiger sind natürlich die Menschen. Diese Weihnachtsbilanz wäre selbst Silvester noch nicht online, wenn wir hier all die Geschichten erzählen würden, die wir unterwegs gehört haben. Ein neues Buch, das gar nicht so viel anders wäre als das alte. Immer geht es um Staaten (den deutschen, den türkischen und so weiter), die nicht klarkommen mit Sehnsüchten und Lebensentwürfen, die den herrschenden Normen widersprechen. Es geht um Repression, Unterdrückung, Gewalt, heute, gestern, vorgestern. Und es geht um das, was das aus den Menschen macht. Der Staat produziert sich seine Gegner selbst, wieder und wieder, und vermutlich ist das sogar Absicht. Wir können hier nur wiederholen, was wir schon geschrieben haben.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass dieses neue Buch auch vom Wohnen handeln könnte oder vom Widerstand. Nicht von Reihenhäusern und Eigentumswohnungen, sondern von Alternativen. Das Wohnprojekt Mühle in Renchen bei Offenburg, die vielen Nächte, die wir in Häusern verbracht haben, die zum Mietshäuser Syndikat gehören. Mit dem Wohnen fängt der Widerstand gegen die neoliberale Hegemonie an. Wir haben im Wendland gelesen, im Herzen des Atomprotests. Wir haben mit Menschen zusammengesessen, die immer noch jede Woche gegen Stuttgart 21 demonstrieren. Und wir waren an so vielen Orten, die irgendwie „anders“ sind, dass man sich fast wundert, warum die Revolution nicht längst ausgebrochen ist.

Das Ganze sei nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“, sagt Kerem auf fast jeder unserer Lesungen. Er spricht dann über Rojava, könnte aber auch die Lesereise meinen. An vielen Orten gab und gibt es Protest gegen unsere Auftritte. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so bitterernst wäre. Es geht bei diesen Protesten nie um die Kurdinnen (jedenfalls nicht vordergründig), sondern um ganz andere (völlig widersinnige) Vorwürfe gegen uns. Antisemitismus. Kontaktschuld. So eine Zwischenbilanz ist nicht der Ort, sich damit im Detail zu beschäftigen (schon gar nicht kurz vor Weihnachten). Aber es passt nicht wirklich zur besinnlichen Stimmung, wenn selbsternannte Linke im Namen eines falsch verstandenen „Antifaschismus“ verhindern, dass in öffentlichen Räumen über die Unterdrückung der Kurdinnen gesprochen wird und über die Vision, die sie für den Nahen und Mittleren Osten entwickelt haben. Pars pro toto sei hier Anke Wiertelorz genannt, Asta-Geschäftsführerin in Darmstadt, die sich auf unsere erboste Nachfrage vom „Referat für Antifaschismus der Hochschule Darmstadt“ vertreten und in der (anonymen) Antwort auf einen hanebüchenen Blogeintrag aus Marburg verweisen ließ.

In Marburg hatten wir mit der Polizei zu tun. Zwei Männer in Zivil im Hörsaal, ein Streifenwagen vor der Tür. Die Diskussion dort war fast die ruhigste überhaupt. Sonst: viele fragen, viele Hinweise, auch Kritik. Gute Gespräche, die uns auch geholfen haben, unsere „Show“ zu perfektionieren. Danke dafür an alle, die dabei waren und uns aufgenommen haben. Danke, dass so ein Buch kein Monolog bleiben muss.