Regensburg, 9. Januar 2019

Wir sind mit Alexa gekommen, sagt Kerem. Verhaltenes Lachen im Saal. Egal. Kapitalismus, so oder so. Der Zug von München heißt Alex, ist privat und war eiskalt. Hab das schon gemeldet, sagt die Schaffnerin. Na fein. Vielleicht geht morgen dann sogar die Toilette.

Das Lokanta ist voll. Die erste Lesung in einem kurdischen Restaurant. Ein Traum, nicht nur wegen der Suppe und den gefüllten Tomaten. Mõglich gemacht haben das die Antideutschen von Regensburg. Proteste, wieder einmal, wobei wir eher eine Nebenrolle spielen in dem Streit, der die linke Szene der Stadt seit einer Weile von dem ablenkt, was eigentlich zu tun wäre. Jedenfalls kommen wir nicht in die Uni und dürfen stattdessen ins Lokanta, wo Cengiz, der Wirt, jedes Jahr mit hundert Menschen Newroz feiert.

Getanzt wird heute nicht. Dafür reicht der Platz einfach nicht. Jeder Stuhl und jeder Hocker besetzt. Sogar hinter uns sitzen Menschen. Ohne Blick auf die Leinwand (eine Improvisation), aber immerhin. Die Lage in Rojava. Was passiert, wenn die Amerikaner tatsächlich abziehen sollten? Darf man sich als Linker freuen, wenn die Revolution fortan auf sich selbst vertrauen muss und nicht mehr auf Waffen, Logistik und sonstigen Support aus dem Herzen des Imperialismus? Oder muss man trauern, weil Erdogan, der Kurdenhasser im Norden, nur darauf wartet, dass er sein Heer und seine Söldner endlich losschicken kann?

Es ist unsere erste Lesung seit dem 19. Dezember, seit dem Tweet von Donald Trump, der das Ende der US-Präsenz in Syrien ankündigte und damit vielleicht auch das Ende vieler Hoffnungen auf Demokratie und Föderalismus. Viel ist passiert seitdem.

Die knapp 80 Menschen im Lokanta erwarten Antworten oder wollen wenigstens reden. Über die wirtschaftliche Lage, über die Situation in Afrin, über das Verhältnis zu den Nachbarn. Und sie wollen wissen, wie man helfen kann. Persönlich vor Ort oder mit Geld. Mehr als 500 Euro nehmen wir am Ende mit. Spenden für Opfer der Repression hier in Deutschland. Für Menschen zum Beispiel, die in die Mühlen der Justiz geraten sind, weil sie Fahnen von YPG und YPJ getragen oder geteilt haben. Danke, Regensburg. Wir kommen wieder. Und in zwei Wochen ist Anselm Schindler in der Stadt. Thema: Verfolgung der kurdischen Freiheitsbewegung in Deutschland. Und Solidarität, natürlich.