Wiesbaden, 17. Januar 2019

Zwei Stunden vorher steht plötzlich alles auf der Kippe. Anruf aus dem Café Klatsch. Wir müssen reden. Also auf in ein Hinterzimmer. Drei Leute vom AKU, ein paar vom Café Klatsch, wir. Wie hältst Du’s mit dem Staate Israel, mein lieber Kerem? Uns ist da was gezwitschert worden.

Immerhin: Es gibt dieses Gespräch. An vielen Orten hat eine Mail gereicht und ein Link auf einen Text, der uns zu Antisemiten macht, zu Querfrontlern, zu Verschwörungstheoretikern. Ein Text, der so absurd ist, dass man ihn gar nicht kommentieren möchte, weil schon das jeden Verstand beleidigen würde. Und trotzdem war meist der Raum weg, in dem wir eigentlich lesen sollten, und manchmal auch der eine oder andere Unterstützer. So funktioniert Rufmord heute. Ein Raunen ins Netz stellen, den Stempel des “Guten” darunter (Antifa!), und schon zuckt die geneigte Leserin zurück. Lieber nicht mit diesen Leuten. Nichtmal zu Kurdistan. Man weiß ja nie. Wird schon irgendwas dran sein.

Nicht ganz so in Wiesbaden. Man hat recherchiert, auf Facebook, und drei Posts gefunden, über die man sprechen möchte. Drei von mehr als zehntausend. An einen aus dem Jahr 2012 kann Kerem sich nicht einmal mehr erinnern. Es geht dort nicht um die Kurdinnen oder um die Türkei, natürlich nicht. Aber gut. Wir haben ein schönes Gespräch über die BDS-Kampagne, über die Familie Tamimi, über die Parteienlandschaft in Israel und Palästina. Wenn man genauer hinschaut, wird aus dem Geschrei im Netz ein Für und Wider. Abwägen, Fragen stellen. Wie sehen das die Genossen vor Ort, zum Beispiel.

Michael Wilk regt das alles furchtbar auf. Wir haben uns in Hanau gesehen, in der Metzgerstraße, und spontan gesagt: Lass uns sowas auch in Wiesbaden machen. Und nun das. Seine Gäste, und dann so ein Verdacht. Der AKU ist sein Baby. Gegründet 1976, damals noch als Arbeitskreis Umweltschutz. Inzwischen nur noch Umwelt. Was mit der Startbahn West begann und mit der Atomkraft, ist längst viel größer geworden. Michael Wilk ist in Rojava eine Art Stammgast. Notfallärzte wie ihn braucht man da. Er hat dort auch operiert, notgedrungen.

Im Café Klatsch ist es nachher gut, jemanden wie ihn mit auf dem Podium zu haben. Er weiß, was man Salon-Linken sagt, die in Deutschland mit dem Bier in der Hand fragen, was das mit den Amerikanern soll. Ein Revolution, Hand in Hand mit dem US-Imperialismus. Das geht doch nicht! Es muss gehen, sagt Michael Wilk. Die Lufthoheit. Ihr habt es nicht erlebt und wisst nicht, was es bedeutet. Am Boden könne man gegen jeden kämpfen, klar. Aber nur dann, wenn der Tod nicht von oben kommt. Manchmal kommt er sogar mit einer Drohne. Erst die Kamera, die sieht, wo Menschen sind. Und dann fällt eine Handgranate. Ohne die Amerikaner, sagt Michael Wilk, kein Kobane. Auch Raqqa nicht. Er war in Afrin, als die Türkei vor einem Jahr angegriffen hat. Ein Kanton, zum Abschuss freigegeben von den Amerikanern und den Russen. Ein Krieg, in dem es keinen Nahkampf gab, weil der Aggressor aus sicherer Entfernung schießen konnte.

Wer zwischen den Zeilen lesen kann, der ahnt schon: Es war nicht ganz einfach im Café Klatsch, und das nicht nur, weil jemand unbedingt eine Fahne schwenken möchte und deshalb gehen muss. Kein Nationalismus an diesem Ort, sagt Steffi, die in den Abend einführt. Das gilt für alle. So ein Statement führt fast automatisch zu Zwischenrufen und hitzigen Nachfragen, wenn Türkinnen und Kurdinnen im Raum sind (auch Männer, natürlich), vorn über Nation und Volk gesprochen wird und Bierbänke nötig sind (in einem Café!), um den Andrang zu bewältigen.

Ruth sagt hinterher trotzdem, dass das die beste politische Veranstaltung seit Jahren war. Nicht so eng wie sonst. Eine andere Sprache. Lebendige Menschen. Ruth muss es wissen. Sie wollte Lehrerin werden, damals. Bis zum zweiten Staatsexamen. Dann musste sie raus. Nicht in den Strukturen ersticken. Vielleicht wäre ihr auch der Radikalenerlass in die Quere gekommen, wer weiß. Manche Freundinnen hat es erwischt. Ruth hat in Projekten gearbeitet, ist jetzt im Ruhestand und sagt, dass sie mit ganz viel Energie nach Hause gehe. Schön. Nicht auszudenken, wenn Ruth umsonst gekommen wäre.