Bremen, 18. Januar 2019

Am Samstag ist Margot wieder da. 14 Uhr, Demo. Am Bahnhof treffen, durch das Zentrum ziehen und Gespräche mit Abdullah Öcalan fordern. Na klar. Margot ist 90. Man muss sich bücken, um ihr die Hand zu geben. Thomas hat sie neulich erst an einem Infostand gesehen. Mit Flugblättern. Diese winzige Frau.

Ich habe manchmal Angst um Margot, sagt Thomas. Er erzählt von ihrem letzten großen runden Geburtstag. Gut hundert Leute. Margot habe sich gefreut, dass auch viele von den anderen da waren. Von denen, die die Partei irgendwann verlassen haben, nach 1989 vor allem.

Links neben Kerem: Leyla Imret

Für Margot ist das nie in Frage gekommen. Sie gehört zum kommunistischen Uradel. West-FDJ, KPD, Illegalität, DKP. Das schreibt sich so leicht runter. Margot hat für ihre Ideale im Gefängnis gesessen, etliche Monate. Wer weiß das heute noch, fragt Thomas. Die 50er und 60er Jahre in der Bundesrepublik. Dieser Hass auf Kommunisten. Das muss mal aufgeschrieben werden, gerade hier in Bremen. Margot war in den letzten Tagen auf vier Beerdigungen. Der Tod geht wie ein Schnitter durch unsere Reihen, sagt sie.

Auch Leyla Imret ist zur Demo gekommen. Gestern Abend in der Villa Ichon war sie unser Überraschungsgast. Im Wortsinn eingeschneit aus Straßburg, kurz vor dem Ende der Lesung. Leyla berichtet vom Hungerstreik, der dort seit 35 Tagen läuft. Auch das liest sich wieder so weg. Leyla hat ihre Freunde gesehen. 14 Menschen, denen es nicht gut geht. Kardo Bokani ist dabei, der auf unserer Tour eine Hauptrolle spielt. Immer wieder zitieren wir aus seiner Dissertation, weil die Geschichte der Kurdinnen und Kurden nirgendwo besser erklärt wird. Es gibt ein Foto aus Straßburg. Man sieht dort, dass Kardo Bokani ein schmächtiger Mann ist. Und jetzt der Hungerstreik. Die Krämpfe, sagt Leyla. Diese Freunde riskieren ihr Leben. Und kaum jemand bekommt das mit.

Solifoto für Leyla Güven

Auch Leyla Güven kennt man hierzulande nicht. Die HDP-Abgeordnete wird in Diyarbakir gefangen gehalten, seit gut einem Jahr. Dass sie im Sommer ins Parlament gewählt wurde, hat daran nichts geändert. Immunität hin oder her. Leyla Güven hat mit dem Hungerstreik begonnen, vor mehr als zehn Wochen. Zweieinhalb Monate ohne feste Nahrung. Wer weiß, wie lange das ihr Körper noch mitmacht. Leyla Güven geht es nicht um sich selbst. Ihr Thema ist Abdullah Öcalan. Die Isolation beenden. Verhandeln, nicht schießen.

Ein wunderschöner Raum, aber viel zu klein

In der Villa Ichon verlinkt Leyla Imret diese Forderung mit dem Krieg, den der türkische Staat 2015/16 gegen die kurdischen Städte im Südosten des Landes geführt hat. Sie kann das. Sie war in Cizre, als das Militär Benzin in drei Keller laufen und gut 150 Menschen verbrennen ließ. In der Stadt, die sie gerade zur Bürgermeisterin gemacht hatte. Macht die Tür nach Imrali auf, sagt Leyla. Dann können wir wieder auf Frieden hoffen.

Leyla Imret ist eine leise Politikerin. Etwas größer als Margot, das schon. In der Villa Ichon ist es mucksmäuschenstill, als sie in das Mikro spricht. Mit Europa ist es wie mit den drei Affen, sagt sie. Nichts zu Herrn Öcalan. Sie sagt das wirklich so. Herr Öcalan. Ein Mann, der seit einer Ewigkeit niemanden sehen darf. Seine Anwälte nicht und nicht einmal seine Familie. Und Europa ist still, obwohl doch sonst überall laut nach Menschenrechten gerufen wird.

Der Hungerstreik ist ein Aufschrei. In Straßburg, wo sonst. Europarat, Europaparlament. In den kurdischen Gebieten in der Türkei könne man nicht einmal mehr demonstrieren, sagt Leyla. Offiziell sei der Ausnahmezustand zwar aufgehoben worden, die Polizei gehe aber sofort dazwischen, wenn ein paar Menschen auch bloß zusammenstehen. Da bleibe nur noch, den eigenen Leib einzusetzen und damit das eigene Leben.

Margot Konetzka, Kerem und Abdullah

In Bremen sind die Uniformierten eher entspannt. Viele Öcalan-Fahnen neben den Plakaten mit Bildern von Leyla Güven. Kein Stress. Es ist Grünkohl-Zeit. Den meisten Bremern sind Margot und die Kurdinnen egal. Sie ziehen mit Wägelchen durch die Stadt, trinken Bier aus der Flasche (man ahnt, aus welcher) und freuen sich auf das Festmahl danach. Hungerstreik ist da keine Option.