Oldenburg, 19. Januar 2019

Es ist schon verrückt: Da wird ein Mann als Schwein beschimpft und als Arschloch, und manche scheint das nicht zu stören. Ist einer von uns, der Schreihals, irgendwie. Wird halt manchmal etwas ausfallend. Da darf man dann schubsen, “Antisemit” brüllen und “Keiner setzt sich neben den!” Willkommen im Norden.

Es sitzt dann doch jemand neben Christoph, und Christian, unser Moderator, lässt gleich zu Beginn keinen Raum für irgendwelche Zweifel. So nicht in Oldenburg. Wir schließen keinen aus. Das erinnert sonst ja an die schlimmsten Zeiten.

BDS ist ein Thema in der Stadt. Und damit ist Christoph ein Thema, der Lehrer, dem die Attacke galt. Christoph ist BDS. Viel mehr gibt es davon nicht in Oldenburg. Er hat unsere Veranstaltung mit Andreas Zumach gesehen. Großartig, sagt er. Gute Argumente, und das alles so sachlich. Heute will er wissen, was es mit den Jesiden und den Kurden auf sich hat, ob jeder Deal mit Assad nicht ein Pakt mit dem Teufel ist und woher die Lust der Linken an der Spaltung kommt. Gibt es irgendeinen Minimalkonsens, fragt Christoph, irgendwas, worauf sich alle einigen können, bevor sie anfangen, über Politik zu streiten?

Schwierig, offenbar auch in Oldenburg. Sonst hätte es nicht so lange gedauert, bis der Störenfried gegangen ist. Sonst hätten die Denunzianten keinen Erfolg, die auch hier unterwegs waren und Pamphlete über uns verbreitet haben. Heute morgen haben wir mit Thomas darüber gesprochen, mit unserem Gastgeber in Bremen. Thomas sagt: Die fehlenden Aussichten sind schuld. Keine Chance auf Hegemonie und Macht, nirgends. Also bleibe nur der Bruderkampf und der Kampf um die Reinheit der eigenen Position. Links: Das bin ich. Und nur ich. Ich habe Recht. Wenigstens das.

Die Veranstaltung ist dann doch noch sehr schön geworden, wie eigentlich immer bisher. Der Raum, natürlich. Kulturzentrum PFL. Die Abkürzung steht für Peter Friedrich Ludwigs Hospital. Ein herrschaftlicher Bau, bis 1984 Krankenhaus und jetzt etwas, was man jeder Stadt nur wünschen kann. 70 Menschen im Vortragssaal, auf Stühlen mit Polster und Armlehnen. Da kann so eine Lesung ruhig auch 130 Minuten dauern.

Dass es so lang geworden ist, hat auch mit den Beiträgen aus dem Publikum zu tun. Mechthild Exo ist da, die in Emden an der Fachhochschule lehrt und in der Zeitschrift Femina Politica gerade einen Aufsatz über “Afrin, Frauenrevolution und Jineoloji” veröffentlicht hat. Auch in Oldenburg spricht sie heute über Frauen und Frauenwissenschaft, aber auch über Aufforstung (“Make Rojava green again!”) und über Kindergärten. Es geht vorwärts in Rojava, sagt sie. Allem Krieg zum Trotz.

Carsten kann das bestätigen. Er ist gerade erst zurück aus Kobane. Photovoltaik, sagt er. Die ökologische Revolution. Wir sind mit den Containern durch die Türkei gefahren. Spenden im Wert von 100.000 Euro. Jetzt hängt dieses Gesundheitszentrum nicht mehr vom Stromnetz ab. Und das ist gut, weil Erdogan im Norden die Flüsse reguliert und damit auch die Wasserkraft. Carsten erzählt von dem Freiheitswillen, den er in Kobane erlebt hat. Menschen, die unter Tränen von den Kindern erzählen, die nicht überlebt haben, und die doch zugleich unendlich stolz auf diese Kinder sind.

Carsten ist die Gegenthese zu den Spaltern, wenn man so will. Er ist in der MLPD und lobt uns. So ganz anders als der Medientenor. Und dann auch noch Geld sammeln, hier in Oldenburg. Gut. Den Kampf, sagt Carsten, können wir nur über die Solidarität gewinnen. Internationale Solidarität. Alleine sei das Projekt Rojava verloren. Und wir hier sowieso. Irgendwie schade, dass die Skandalierer das nicht gehört haben.