Paderborn, 25. Januar 2019

Der Hörsaal ist groß (111 Sitze, durchnummeriert) und dann doch zu klein. Wir müssen zweimal unterbrechen, damit alle einen Platz finden. Manche gehen in den kurzen Pausen auch wieder. Doch kein Eklat. Zu offensichtlich die Mehrheitsverhältnisse im Raum. Sogar Siyar ist da, bei dem wir im Herbst in Kassel gewohnt haben. Schnell mit fünf Leuten ins Auto gesetzt, als er gelesen hat, was in Paderborn los ist.

Türkische Nationalisten, zum ersten Mal auf unserer Tour, und das gleich an zwei Fronten: Universität und Polizei. Mails von islamischen Vereinen, Mails von türkischen Gruppen. Tenor: Wir verbreiten Terrorpropaganda. Wir werben für die PKK. Wie das so ist bei soviel Trommelwirbel: Der Saal füllt sich von alleine. Nicht ganz, sagt Serdal von der kurdischen Hochschulgruppe, die uns eingeladen hat. Wir haben nochmal extra mobilisiert.

Nebeneffekt: Es ist wieder Polizei im Publikum, wie schon in Marburg. Hat mir gut gefallen, sagt einer der Kollegen hinterher. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Seine Nachtschicht beginnt erst, als wir fertig sind. Der AStA hat vorher gearbeitet. Buch gelesen, das Netz durchsucht und Position bezogen: alles im Rahmen. Nichts, was an einer Universität nicht gesagt werden dürfte.

Diese Universität ist ein Spiegel der Stadt, einerseits. Paderborn: eine katholisch-konservative Enklave am Rande von NRW. Das Erzbistum unfassbar reich und Wahlerfolge, von denen CDU und FDP anderenorts nur träumen können. Hörsäle, Wände, Gänge: alles wie geleckt. Kein Plakat, nirgends. Nicht einmal auf dem Klo ein dummer Spruch. Man glaubt es kaum, wenn man andere Unis kennt, die zur gleichen Zeit gegründet wurden. Bielefeld, zum Beispiel. Charlie muss 30 Euro Strafe zahlen, weil er am schwarzen Brett der Fakultät für unsere Lesung geworben hat. Eine halbe Stunde, sagt er. Nach einer halben Stunde kam die Mail. “Reinigungsgebühr”, für ein Blatt Papier, das mit Tesafilm festgemacht war.

Serdal und wir

Andererseits ist diese Universität bunt. Migrantisch, weiblich. Auch unser Publikum ist ganz anders als in Hamburg, wo wir vor zwei Wochen zur gleichen Stunde waren. Und: Es gibt Pralinen. Wenn wir das nächste Mal gefragt werden, wo es uns am besten gefallen hat, steht Paderborn ganz oben auf der Liste.

Serdal ist Jeside. Er war sechs Monate alt, als seine Eltern Midyat verlassen haben, die Heimat in der Türkei. Die 1990er, die dunklen Jahre, von denen man dachte, dass sie sich so nie mehr wiederholen können. Bis der IS 2014 nach Shingal kam, bis der türkische Staat die kurdischen Städte 2015/16 mit Krieg überzog.

Dass Serdal heute studiert, wäre für seine Großeltern unvorstellbar gewesen. Die Jesiden haben isoliert gelebt, sagt er. Da war nichts mit Bildung, bis in die 1980er. Geändert habe sich das auch wegen der PKK, genau wie das Verhältnis zu den anderen Kurden. Serdal erzählt von einem Sprichwort, das ganz gut zusammenfasst, wie dieses Verhältnis vorher war. Warum die Jesiden Kurdisch sprechen? Damit sie ihre Schlächter wenigstens verstehen können.

In Paderborn wohnt Serdal direkt auf dem Campus. Karl Marx steht im Bücherregal. “Das Kapital” neben Schriften von Che Guevara und der “Grünen Lüge” von Kathrin Hartmann, die wir Montag bei uns am Institut in München haben. Seine 60 Stunden im Schulpraktikum hat Serdal hinter sich. Die Kids vergöttern mich, sagt er und lacht, weil das doch jeder Lehrer sagen würde. Im Ernst: Die neue Generation sei anders. Viele Frauen und Männer wie er. Menschen, die einen anderen Hintergrund mitbringen und damit mehr Empathie. Vielleicht sind die Aussichten ja doch nicht so schlecht für die Schulen in Deutschland. Lehrer wie Serdal jedenfalls braucht dieses Land.