Braunschweig, 26. Januar 2019

Eine Lesung zum Geburtstag. Timo, der uns eingeladen hat, wird heute 30, und 50 Gäste sind gekommen. Nach Party ist ihm trotzdem nicht zumute. Timo hat eine schlimme Woche hinter sich. Die Lebenszeit, sagt er. Die gibt mir keiner wieder.

Die Abläufe kennen wir inzwischen. Eine Mail an die Veranstalter, ein dezenter Hinweis. Schaut euch doch mal bitte etwas genauer an, wen ihr da sprechen lassen wollt. Zum Beispiel hier, auf dieser Webseite aus Marburg. Und dann geht es los. Antisemitismus, Kontaktschuld, Querfront. Der eine hat diese Karikatur geteilt, über die man streiten kann, und unterstützt die Palästinenser, irgendwie. Und der andere hat mit Ken Jebsen gesprochen, für den Rubikon geschrieben und das hinterher sogar noch verteidigt.

Schlimm, schlimm. Es soll zwar um Kurdinnen und Kurden gehen, und wir könnten eigentlich auch selbst recherchieren (vielleicht sogar schon, bevor wir so eine Veranstaltung planen), aber nun ja. Da liegt jetzt etwas in der Luft, und die Reinheit der Lehre ist in Gefahr. Also auf in den Kampf, als ob es nicht tausend andere Kämpfe geben würde, für die man Verbündete braucht und Solidarität.

Timo hat stundenlange Sitzungen hinter sich und noch längere Telefonate. Sein Bündnis hat er trotzdem nicht retten können. Die Freunde der kurdischen Freiheitsbewegung in Braunschweig gibt es so nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr als Gruppe, die eine solche Lesung stemmen kann. Die Falken (“Sozialistische Jugend Deutschlands”) haben sich distanziert und die Leute vom Antifa-Café auch. Wie kann ich mich, fragt Timo, mit denen jetzt noch an einen Tisch setzen?

Eingesprungen ist Nav-Dem, die Interessenvertretung der Kurdinnen in Deutschland. An den Wänden: Fahnen von YPG und YPJ, ein Bild, das an die drei Genossinnen erinnert, die vor sechs Jahren in Paris ermordet wurden, und eins, das Leyla Güven zeigt, die HDP-Abgeordnete, die seit fast drei Monaten nicht mehr isst, um die Isolation von Abdullah Öcalan zu beenden. Öcalans Gefängnisschriften liegen auf dem Büchertisch, genau wie eigentlich alles, was man im Moment zum Thema lesen kann.

In Reihe eins wird gestrickt. In der Diskussion geht es dann auch zuerst um die Frauen. Was sagen die kurdischen Männer zu der Idee, das Patriarchat zu beenden? Wie viel von dem, was auf dem Papier steht (zum Beispiel in den Büchern Öcalans), hat es in Rojava inzwischen in die Praxis geschafft? Axel, der am Büchertisch steht und von den Debatten im Vorfeld vielleicht sogar noch mehr genervt ist als Timo (“Ich wollte eigentlich nie mehr was mit Deutschen machen”), kann helfen. Wenn es keine Doppelspitze gibt, sagt er, dann kann die Kommission nicht arbeiten. Also: Nichts geht ohne die Frauen.

Timo hat dann doch noch eine schöne Geburtstagsrunde zusammen bekommen, ganz standesgemäß, im Tantuni. “Kurdishe Späsialitäten”. Macht nichts. Das Essen ist super. Am Tisch: eine Betriebsrätin, die hier eigentlich mit Vornamen genannt worden war, genau wie eine junge Frau, die für ein Jugendamt arbeitet. Nach einer Woche kommt eine erboste Nachricht. Was uns einfallen würde. Namen nennen (Vornamen, wie gesagt). Und das bei den vielen AKP-Fans in Braunschweig. Deutschland 2019. Paranoia pur. Niemand soll wissen, mit wem ich abends unterwegs bin. Hier zum Beispiel: ein Student im 20. Semester, der in Göttingen gerade eine Hausarbeit über die PKK schreibt. Und Timos Genossen von der DKP. Da wird der Betriebsrat im Kreis tanzen und das Jugendamt sowieso.

Später schauen auch Timos Eltern vorbei. Jürgen, der Vater, war Lehrer und ist auch in der Partei, immer noch. Sein Name steht unter der Erklärung “40 Jahre Berufsverbot” von 2012. “Betroffene fordern: endlich Aufarbeitung und Rehabilitierung!” Alle zwei Monate verteilt er den Roten Käfer bei VW, die einzige Betriebszeitung der DKP. Auflage: 3000 Exemplare. Die Jungen interessiert das nicht so wirklich, sagt er. Aber gut. Wir müssen ein Angebot machen.

Zum 100. Jahrestag der Novemberrevolution haben Jürgen und Timo mit ein paar Leuten von der Gewerkschaft rote Fahnen auf dem Schloss gehisst. Die Braunschweiger Zeitung hat berichtet. Viele haben keine Ahnung, wozu die Konterrevolution fähig ist, sagt Jürgen. Für Braunschweig müssen wir das aufarbeiten. Gut, wenn man einen Sohn hat, der das genauso sieht.