Antwort an „Ekkehard Pohl“ (junge welt)

Wie das so läuft auf Facebook: Kerem hat dort den Verriss aus der jungen welt gepostet, sich etwas abfällig geäußert über die Anonymität des Rezensenten und sofort Druck bekommen. Nicht nur beleidigt sein, sondern argumentieren. Hier seine ausführliche Antwort auf die Vorwürfe gegen unser Buch.

1. Die Kurden sind das größte staatenlose Volk der Welt (ca. 30-40 Millionen), das auf eine (wie auch immer geartete) Form von Status drängt (Nationalstaat oder Demokratischer Konföderalismus). Für die Tamilen gilt das nur für Sri Lanka. Dort leben 2,5 Millionen Tamilen. Für die Tamilen in Indien (ca. 70 Millionen) gilt das nicht. Dort gibt es im föderalen Indien einen tamilischen Bundesstaat, Tamil Nadu, mit 78 Millionen Einwohnern und mehr Kompetenzen als z.B. die Autonome Region Kurdistan im Irak.

2. Der anonyme Autor behauptet, dass wir die politische Lage in Südkurdistan nicht analysieren und uns nur auf die PKK konzentrieren würden. Hat er Kapitel 5 („Eine Reise in den Irak, storniert und doch ertragreich“) gelesen? Dort geht es nur um Südkurdistan, die KDP und PUK.

3. Der Autor behauptet, dass wir nicht auf die Zusammenarbeit von Anti-IS-Koalition (für ihn nur die USA) und kurdischer Bewegung in Nordsyrien eingehen. Stimmt nicht. Machen wir in Kapitel 6 und 8 relativ ausführlich.

4. Der Autor unterstellt Kardo Bokani kurdischen Nationalismus. Wer Bokanis Texte (v.a. seine Dissertation) gelesen hat, wird sagen: ausgerechnet ihm! Auch unterstellt er Öcalan Nationalismus. Hat er von Öcalan schon mal etwas zur nationalen Frage gelesen? Auch hier: ausgerechnet Öcalan Nationalismus zu unterstellen, ist absurd (und es gleicht der Argumentationsstruktur türkischer Nationalisten, die den vermeintlichen und manchmal echten Nationalismus einiger KurdInnen blöd finden).

5. Der Autor unterstellt uns, wir würden Aleppo zur kurdischen Metropole „mutieren“ lassen. Was schreiben wir konkret? Hier der entsprechende Auszug aus S. 190: „Die Situation in Qamischli ist schon deshalb besonders, weil ein Teil der Stadt nach wie vor in der Hand von Assad ist. Rein militärisch wäre es für die Kurden nicht schwierig, diese Teile einzunehmen. Das Ganze ist eine Art Deal. Wir nehmen euch eure Gebiete in Qamischli nicht weg, wenn ihr uns unsere Gebiete in Aleppo lasst. Dort werden ja einige Stadtteile von Kurden kontrolliert. In Qamischli merkt man von der Zweiteilung nicht viel.“ Das es in Aleppo ein paar mehrheitlich von KurdInnen kontrollierte Stadtteile gibt, ist Fakt. Aber natürlich ist die Stadt mehrheitlich arabisch.

6. Der Autor wirft uns vor, die Gliederung des Buches nicht „konsequent chronologisch“ und „systematisch“ zu halten. Er scheint das Konzept des Buches nicht verstanden zu haben. Es ist in Form einer langen Reportage gehalten, in dem Personen unterschiedlicher Herkunft zu Wort kommen. Unser Ziel war es gerade nicht, ein (eher mühsam zu lesendes) chronologisches Werk von Anfang bis Ende zu machen.

7. Der Autor wirft uns vor, kein Literaturverzeichnis zu haben. Hat er das Buch wirklich gelesen? Von S. 221 bis 236 findet sich sämtliche verwendete Literatur mit Hinweis darauf, wo im Buch sie vorkommt.

8. Er wirft uns „handwerkliche Fehler“ vor. So zum Beispiel bei der Definition der Schiiten. Wir gehen ein einziges Mal auf den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten ein (wie der Autor richtig schreibt: auf S. 40). Was schreiben wir dort nun. Hier ein längerer Auszug:

„Also der Reihe nach, angefangen mit dem Ersten Weltkrieg, der nicht nur Deutschland und Österreich als Verlierer sieht, sondern auch das Osmanische Reich, ihren Verbündeten. Istanbul ist längst nicht mehr so groß und so mächtig wie 1683, als Wien sich Sorgen machen musste, herrscht aber immer noch über weite Teile des Gebiets, das bei uns bis heute Naher Osten heißt. Eine regionale Größe, mindestens das. Syrien, Jordanien, Libanon, Irak, dazu der Streifen von Saudi-Arabien und vom Jemen, der am Roten Meer liegt. Ein islamisches Reich. Genauer: ein sunnitisches Reich, das auch deshalb Kriege gegen die Perser geführt hatte, weil dort die Schia galt, die andere Konfession des Islam. Da dieser Konflikt nicht taugt als Schlüssel für die kurdische Frage, hier nur so viel: Während die einen (die Sunniten) an das glauben, was der Prophet Mohammed gelehrt hat, folgen die anderen (die Schiiten) seinem Nachfolger Ali. An dieser Stelle wichtiger: Die meisten Kurden sehen sich damals nur sehr bedingt als Kurden. Sie sind Muslime, Sunniten selbstverständlich, und Osmanen.“

Wir verweisen dabei auf S. 42 im Standardwerk „Die Kurden“ (2016, 4. Auflage). Dort schreiben Strohmeier/Yalcin-Heckmann: „Sie (die Kurden) sind Anhänger der vom Propheten Muhammad gelehrten und gelebten Glaubensvorstellungen (sunna bedeutet Brauch). Auch die andere Konfession des Islams, die Schia, folgt insoweit der sunna. Doch haben sich die beiden Konfessionen in den ersten zwei Jahrhunderten des Islams (…) auseinanderentwickelt. Als Schiiten (der Name leitet sich her von dem Begriff schiat Ali, ‚Partei Alis‘) lassen sich ganz allgemein jene Muslime bezeichnen, die im Streit über die Leitung der muslimischen Gemeinde nach dem Tode Muhammads im Jahre 632 als Nachfolger alleine seinen Schwiegersohn und Vetter Ali anerkennen wollten.“

Hier müssen wir sagen: ja, unsere Formulierung ist verkürzt. Beim Schreiben war uns (zu selbstverständlich) klar, dass die Schiiten sich natürlich auch auf Muhammad beziehen. Sonst wären sie ja keine Moslems. Aber das hätten wir deutlicher formulieren können. Weitere „handwerkliche Fehler“ nennt der anonyme Autor nicht.

9. Der Autor wirft uns vor, wir würden den Eindruck erwecken, dass Öcalan „seine neue gesellschaftspolitische Vision einer »mittelöstlichen Identität« mythologisch ableitet“. In der Tat, genau das macht Öcalan teilweise in einer materialistischen Analyse der in der Region vorhandenen (auch matriarchalen) Mythen. Zu empfehlen ist hier Öcalans Werk „Zivilisation und Wahrheit“. Diese Ableitung wird übrigens derzeit in Teilen Kurdistans zur materiellen Gewalt und führt zu revolutionären Veränderungen der dortigen Gesellschaft.

10. Der Autor wirft uns vor, wir würden dem Leser eine „Solidarisierung mit dem Projekt Rojava“ nahelegen. Ja, das tun wir. Und das legen wir zu Beginn des Buches auch offen. Die Leserin, der Leser wissen das also von Beginn an. So what?

11. Der Autor wirft uns vor, wir würden sämtliche Reformen Atatürks verdammen. Diese seien nur darauf ausgerichtet gewesen, die KurdInnen zu unterdrücken. Das ist Nonsens. Das Buch behandelt die KurdInnen, und deshalb beschäftigen wir uns natürlich mit den Auswirkungen des Nationenverständnisses Atatürks auf diese selbst. Auf die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen seiner (bürgerlich-kapitalistischen) Reformen auch im Rest der Türkei gehen wir nicht ein, weil das nicht Teil eines solchen Buches ist.

12. Die Hervorhebung des Autors, dass Ismet Pascha als erster Ministerpräsident doch selber Kurde gewesen sei, ist exemplarisch für seine Orientierung am dominanten türkischen Narrativ. Als Antwort hier nur ein sinngemäßes Zitat des (derzeit im Gefängnis sitzenden) türkmenischstämmigen früheren HDP-Abgeordneten Sırrı Süreyya Önder: In der Türkei kann man alles werden, so lange man sich nicht als Kurde oder über seine kurdische Identität definiert.

13. Der Autor wirft uns vor, wir würden Öcalan „huldigen“. Hat er die kritischen Teile des Buches zur Vergangenheit Öcalans, der PKK und zur Verehrung des Parteigründers nicht gelesen? In der Tat plädieren wir allerdings dafür, sich mit den theoretischen Schriften Öcalans auseinanderzusetzen. Man kann sie sehr gewinnbringend für die eigene politische und wissenschaftliche Arbeit lesen.