Darmstadt, 31. Januar 2019

Wieder ein Theater, zum zweiten Mal nach Konstanz. Dort die Spiegelhalle im Stadttheater, gut bürgerlich. Kartoffeln und Sauerkraut, sozusagen. In Darmstadt nun das HoffART, eine freie Bühne, kalt und ein bisschen ranzig. Eine alte Praline, die ganz süß wird, als all die bunten Menschen in den Saal strömen.

Eigentlich sollten wir gar nicht hier sein, sondern in der FH. Raus aus dem Rojava-Solikomitee, das uns eingeladen hat, und hinein in das wilde Studentenleben. Ein schöner Plan. Das Thema Kurdistan auch denen nahebringen, die zwar irgendwie unzufrieden sind mit dieser Welt, aber noch nie von den Ideen gehört haben, die zum Beispiel Abdullah Öcalan für ein Zusammenleben jenseits von Kapitalismus, Patriarchat und Nationalstaat entwickelt hat.

Das Solikomitee hat diese Rechnung ohne die Antideutschen gemacht. Ohne Menschen, die einen Raum zusagen, dann aber nach einer Mail einknicken, die abstruse Behauptungen aufstellt. Kündigung, ohne jedes Gespräch. Man muss diese Leute verklagen, sagt Holger hinterher im „Havanna“ (wo sonst). Vertrag ist Vertrag, auch wenn das nur mündlich abgesprochen wurde. Wir sind da viel zu defensiv.

Holger ist gewissermaßen das Gegenteil. Man muss gar nicht mit ihm sprechen, um zu wissen, wo er steht. FC St. Pauli. Aufstehen. Früher war ich in der DKP, sagt er. Saalschutz, auch das. Er schwärmt für den Roten Frontkämpferbund (für die Jüngeren: Weimarer Republik) und für die kubanische Armee (Angola, zum Beispiel). Die guten, alten Zeiten: Sie werden nicht mehr wiederkommen.

Das HoffART ist rappelvoll. Anders kann man das gar nicht ausdrücken. Kein Quadratzentimeter Platz. Vom Lesetisch sind längst nicht alle Gesichter zu sehen. Macht nichts. Man spürt auch so, dass der Plan doch noch aufgegangen ist. Dass sich Junge und Alte eingefunden haben, Kurdinnen, Türken und Deutsche, Laien und Expertinnen.

Yener Orkunoglu ist da, irgendwo auf der Empore. Er hat gerade ein Buch geschrieben. Marxismus, Nationalstaat und demokratische Nation. Auf Türkisch. Im HoffART singt er ein Loblied auf Öcalan und deutet ihn trotzdem etwas anders als seine Jünger in der kurdischen Freiheitsbewegung.

Yener ist Türke. Er hat keine Hände und keine Unterarme mehr, seit 1977, seit ihm die Bombe, die er selbst gebastelt hat, um die Ohren geflogen ist. Es waren heiße Jahre damals in der Heimat, gerade für Männer, die sich irgendwie als Kommunisten sahen. Heute ist Yener Rentner. Er kann jetzt jeden Tag sechs Stunden lesen, endlich. Und weiter an Ideen für die Zukunft basteln. Das geht auch ohne Hände.

Markus ist zufrieden mit der Veranstaltung. Das Rojava-Solidaritätskomitee lebt. Man ist seit etwa einem Jahr zusammen, seit die Türkei begann, in Afrin einzumarschieren. Nicht alle sind bei der Stange geblieben. Es gab Streit um ein paar Parolen. Rache für Afrin. Freiheit für Öcalan. Solche Sachen. Auch Scheiben sollen kaputt gegangen sein. Der OB hat dann auf der Newroz-Feier nicht sprechen wollen. Ein Grüner. Distanziert euch, auch wenn ihr nichts damit zu tun habt. Ein DGB-Mann sah das genauso und hat das Komitee verlassen. Kein Verständnis für die große Wut. Kein Verständnis für den Lauf des Lebens. Die Wandkünstler von heute sind die Politiker von morgen – wenn man sie denn nicht verschreckt und ohne Not irgendeine Distanz aufbaut.

Newroz war auch ohne den OB schön. Ein paar hundert Leute, im Herzen von Darmstadt. Mit Feuer, wie sonst. Wir machen das seit 30 Jahren, sagt der Wirt vom Acar, der uns morgens Menemen serviert. Bei solch gutem Essen muss man Optimist werden. Damals, in den 1980ern, sagt er, waren wir hier zu zweit. Zwei Leute, die Plakate geklebt haben und in den Bus gestiegen sind, wenn es zur Demo ging. Schaut euch an, was daraus geworden ist. Darmstadt: Wir kommen wieder.