Hannover, 1. Februar 2019

Wir sitzen inmitten von Büchern. Die Stadtbibliothek im Pavillon, zu Fuß nur ein paar Minuten vom Hauptbahnhof. Eine mobile Leinwand, fahrbare Boxen, Stühle und Hocker für die mehr als 60 Gäste. Perfekt.

Der erste Freitag im Monat gehört in Hannover dem Café Rojava. Nele vom kurdischen Gesellschaftszentrum erklärt, was es damit auf sich hat. Eine Art Wander-Café, das die Idee der Revolution verbreiten soll. An einem Freitag da, das nächste Mal dort und heute eben im Pavillon.

Mit uns ist das ein bisschen anders als sonst. Wir reden zuviel und wir sitzen vorn, wie die Lehrer in der Schule. Normalerweise gibt es nur einen kurzen Input. 15 Minuten vielleicht, zu einem bestimmten Thema, von einer konkreten Initiative. Und dann soll man sich kennenlernen und vernetzen, im Gespräch, im Streit.

Nele ist hinterher trotzdem nicht unzufrieden. Ganz gut, wenn Leute von außen dabei sind, sagt sie. Dann kommen auch Menschen, die wir noch nie gesehen haben. Und dann wird anders diskutiert, weil nicht jede jeden kennt und man eigentlich gar nicht mehr den Mund aufmachen muss, weil ohnehin schon alle wissen, was gleich kommt.

Fast hätte man gar nicht in die Stadtbibliothek gehen müssen, um uns zu hören. Der Reporter von Radio Flora hat aber sein Mikrofon vergessen. Was es nicht alles gibt. Am Ende kann er wenigstens noch Werbung machen für einen Podcast. Vor einer Woche wurde an der Uni über den Hungerstreik informiert, den Leyla Güven vor fast drei Monaten begonnen hat. 30 Minuten O-Ton, hier.

Hungerstreik: Das geht so leicht über die Lippen. In Straßburg wird Yüksel Koc ins Krankenhaus gebracht, während wir in Hannover lesen. Nach 46 Tagen ohne Essen. Ein Teil unseres Publikums läuft los. Spontandemo am Bahnhof, dann aber offenbar doch wieder abgesagt und nach Hildesheim verlegt. Wie protestiert man heute? Vor allem: Wie schafft man es in die großen Medien, um tatsächlich Druck aufbauen zu können in Richtung Politik? Nicht alle im Raum sind sich sicher, dass das mit den Hungerstreiks heute noch funktioniert. Was macht man, wenn keiner berichtet? Sterben, einfach so?

Am Abend läuft Ronahi TV, auf einem riesigen Bildschirm, nach einem noch größeren Essen. Wir sind bei einer kurdischen Familie. Der Vater Bauunternehmer, über den Schwarzwald, Heilbronn und Göttingen nach Hannover gekommen. Eine Tochter wird Ärztin, eine andere Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Beide erzählen, wie es ihnen an der Universität ergangen ist und jetzt im Arbeitsalltag. Mitmenschen, die sich wundern, wie gut sie die Sprache ihrer Heimat sprechen. Behörden, die einen Einbürgerungsnachweis verlangen, weil sie den Geburtsort nicht kennen.

Ronahi TV hat Fotos von Leyla Güven, natürlich. In den Nachrichten wird aus der Presse vorgelesen. Was sagt die Welt zur Revolution in Rojava, was wird vor allem in Südkurdistan geschrieben, im Land der Barzanis? Musik und Bilder verbreiten Optimismus. Frauen in Uniform, zum Kampf entschlossen. Märtyrer, unvergessen. Demos mit all den bunten Fahnen, über die in Deutschland so heftig gestritten wird. Es gibt Rojava, sogar in Hannover. Auch wenn die deutschen Medien das einfach ignorieren.