Leer, 2. Februar 2019

Gestern saßen wir noch inmitten von Leihbüchern in Hannover. Heute in einer Kriminalbuchhandlung: Tatort Taraxacum. Am Rande von Ostfriesland in Leer. Eingeladen haben die beiden Besitzer (Heike und Peter Gerdes, die selbst Krimis schreiben und dafür einen Verlag gegründet haben) sowie Ursula Stevens-Kimpel, die bis zu ihrer Pensionierung als Psychologin für die Hälfte aller Schulen im Landkreis verantwortlich war. Heute ist sie im Bündnis „Solidarität mit Afrin“ und in der Linkspartei. 1978 ist die gebürtige Bayerin aus München in den Norden gezogen. Mit der DKP hat sie sympathisiert, aber Mitglied ist sie nie geworden. „Zu autoritär“, sagt Ursula, die heute in der Innenstadt wohnt und Wohnungen vermietet. 500 Euro für 80 Quadratmeter. Leer ist nicht München, und verdienen will sie dabei auch nichts.

Mit dabei ist auch der kurdische Verein „Hevalti“, dessen Vorsitzender zugleich an der Spitze der Türkisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft (TDFG) steht. Ein Widerspruch? Manchmal. So ist die Gesellschaft derzeit durch einen Streit zwischen Kurden und Türken lahmgelegt.

Aber früher hätte es gut geklappt. Die Mitglieder bei „Hevalti“ stehen den politischen Strukturen Südkurdistans nah . Mit Barzani funktioniert die „Zusammenarbeit“ mit der Türkei auf großer Ebene. Warum also nicht auch in der TDFG. Später wird das zu einem Konflikt führen, die Haltung des Buchs zur kurdischen Freiheitsbewegung (Öcalan!) gefällt ihnen nicht.

2016 wurde Tatort Taraxacum (lateinisch für Löwenzahn) zur schönsten Buchhandlung des Landes gewählt (zu recht). Früher befand sich in dem alten Gebäude eine Stoffhandlung. Wo damals Tücher in großen Holzregalen präsentiert wurden, stehen jetzt Krimis und Polizeiuniformen aus der ganzen Welt (auch aus der DDR).

Im Rückgebäude ein Café. Über den Toiletten steht „Tatörtchen“. Die Lesung ist Auftakt einer neuen Reihe: „Denkanstöße“. Nicht immer nur Krimis verkaufen, sondern auch über politische und gesellschaftliche Themen diskutieren. Am Abend sind fast alle 50 Sitzplätze besetzt. Und das trotz 8 Euro Eintritt.

Im Publikum ein älterer Kurde aus Afrin, der in den 1970er Jahren seinen Doktor in Göttingen gemacht hat und dann von 1990 bis 2015 wieder in Syrien lebte. Seitdem die türkische Armee Afrin besetzt hat, kann er nicht mehr zurück. „In meinem Haus leben jetzt Araber, meine Olivenernte wird über die Türkei an Spanien verkauft“, bestätigt er in der Diskussion die Medienberichte der letzten Monate.

Ein ÖDP-Mitglied, das zugleich im Vorstand von „Hevalti“ ist, wundert sich, warum wir Öcalan heute nicht kritisch sehen. Die Antwort im Buch: differenzierter. Dunkle Seiten der PKK in den 1980er und 1990er Jahren. Kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte (etwa in dem Buch „Anatomie eines Krieges“ von Murat Karayilan, leider bisher nur auf türkisch vorhanden). Paradigmenwechsel.

Am Ende: zufriedene Buchhändler, die den kompletten Eintritt spontan spenden, nachdem sie gehört haben, dass wir damit politisch Verfolgte unterstützen, die von der deutschen Justiz wegen ihrer Solidarität mit der kurdischen Freiheitsbewegung belangt werden.