Berlin, 27. März 2019

Nach sieben Wochen geht es weiter. Die Pause hat gut getan. In sechs Monaten Lesetour ist vieles zu kurz gekommen: Familie, Freunde, Urlaub und Politik (Westsahara). Zu Beginn steht Berlin auf dem Plan. Eingeladen haben die studierenden Frauen und Männer aus Kurdistan (JXK & YXK). Gerade finden dort die Kurdischen Kulturtage statt. Auf dem Programm stehen Filmabende, ein Govend-Tanzworkshop, Kochen und eben die Buchvorstellung. Zur YXK zu gehen ist wie eine Rückkehr. Lange Jahre war ich (Kerem) dort selber politisch aktiv. Wir haben Newroz-Delegationen, Demonstrationen oder Veranstaltungen gegen die Gülen-Sekte organisiert. Das war 2012, damals waren die Wölfe im Schafspelz noch die „Guten“, sowohl in der Türkei als auch in Deutschland.
Veranstaltungsort heute ist die Humboldt-Universität an der Invalidenstr. 110. Sie ist in die Jahre gekommen, Gelder fehlen und man wundert sich, dass der Aufzug, der einen in die Veranstaltungsräume bringt, überhaupt noch in Betrieb sein darf. Viel Zeit für Werbung hatten die Studierenden nicht. Die politische Tagesordnung ist zu voll: Hungerstreik, Newroz und die alltägliche politische Arbeit. Gekommen sind dann mehr als gedacht. Der Raum ist voll und diskutiert wird vor allem über die Kommunalwahlen, die am kommenden Sonntag anstehen. Ob sie wirklich etwas ändern und, wie die Strategie der HDP aussieht. Im Publikum auch eine Tochter, deren Mutter seit Tagen in Straßburg im Hungerstreik ist. Solidarität zeigen mit Leyla Güven (Tag 140!) und all den anderen, die seit Monaten keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, um in der Türkei die Isolation von Öcalan aufzuheben und endlich wieder an den Verhandlungstisch zu kommen. Sie macht sich Sorgen und fragt, ob man im Westen wirklich zu diesem Mittel greifen muss. Doch welche Optionen bleiben, nachdem man alles versucht hat und sich die Politik Europas nicht verändert hat? Im Gegenteil, die Bundesregierung ist dabei  ihre „guten Beziehungen“ zur Türkei auszubauen. Auch im Publikum: ein alter Freund und Weggefährte des Umweltaktivisten Ercan Ayboga, der ein Protagonist unseres Buches ist. Und: Yekmal, der „Verein der Eltern aus Kurdistan in Berlin“. Seit Anfang der 90er Jahre gibt es ihn und heute organisiert er vor allem zwei Kitas. „Angefangen haben wir mit drei, heute sind es 80 Kinder“, sagt die Leiterin am Ende der Veranstaltung. Zweisprachigkeit ist die Regel und, „wir haben auch deutsche Kinder, die dann auch Kurdisch lernen“. Ein spannendes Projekt, das zeigt: die kurdische Bewegung ist viel breiter aufgestellt, als die Medienberichterstattung erahnen lässt.
Danke Berlin. Nächster Halt: Trier, dann auch wieder in kompletter Besetzung mit Michael Meyen.