Bad Kreuznach, 30. März 2019

Die Pressearbeit war großartig. Ankündigung über Ankündigung. Volker ist Pressesprecher beim DGB. Ehrenamtlich, versteht sich. Ein Profi, der jeden kennt in den Lokalredaktionen. Der Wettergott liest offenbar keine Zeitung, immer noch nicht. Anders ist kaum zu erklären, warum er an diesem Samstag die Sonne scheinen lässt, als ob der Frühling morgen schon vorbei wäre.

Die 30 Menschen, die sich davon nicht abhalten lassen, kennen sich aus. Mehr Koreferate als Fragen. Deutsche Waffen in der Türkei, die Lage in Afrin, die Geschichte kurdischer Staatlichkeit bis ins kleinste Detail. Auch das Thema Repression müssen wir gar nicht selbst anschneiden. Volker hat vor anderthalb Jahren einen Facebook-Post geteilt, in dem es um den Kampf gegen den IS ging und um die Rolle der kurdischen Volksverteidigungs- und Fraueneinheiten. Mit Fahne, versteht sich. Leider auch mit Strafverfolgung, Anwalt und den entsprechenden Kosten. 700 Euro, ohne Verurteilung. Die sozialen Netzwerke sind uns lieb und teuer und die Damen und Herren Anwälte sowieso.

Eigentlich hätten wir ahnen können, dass dieses Publikum gut informiert ist. Bad Kreuznach ist eine Atatürk-Stadt. 1917 hat Mustafa Kemal hier eine Nacht geschlafen. Im ersten Haus am Platz ist das unvergessen. Es gibt eine Atatürk-Suite (für nicht wenige türkische Paare der perfekte Ort für ihre Hochzeitsnacht, sagen die Einheimischen). Es gibt einen Atatürk-Salon (gestaltet vom Konsulat und folglich mit einer etwas anderen Deutung der Geschichte als in unserem Buch). Und es gibt eine Büste, um die sich eine ganz besondere Geschichte rankt.

Eine der Hauptrollen hat damals Rezul gespielt. Er ist mit uns in das Hotel gegangen, obwohl er das ganze Gewese um Mustafa Kemal so gar nicht mag. Rezul stammt aus der Nähe von Diyarbakir. Schon mit 14 wird er von türkischen Polizisten geschlagen, die glauben, dass er irgendwelche Infos hat über die Guerilla in den Wäldern. In Deutschland sagt ein Gericht, dass das nicht reicht, um hier Asyl zu bekommen. Eine Junge wie er, 16 jetzt, könne doch gut nach Istanbul gehen und dort als Schuhputzer leben oder Sesamkringel verkaufen. Wir schreiben die 1990er Jahre. Bei solchen Zukunftsaussichten lacht schon damals jedes Herz.

Nach-Fluchtgründe schaffen, sagt Siggi, evangelischer Pfarrer für Ausländerarbeit in Bad Kreuznach und hier seit eh und je der Mann für Asylfragen. Die Geschichte mit dem Atatürk-Kopf. Bad Kreuznach ist stolz auf seine Rolle in der großen Politik. Eine Tafel erinnert an Adenauer und de Gaulle, 1958. Lasst uns doch auch den Atatürk ehren, dachte sich da der Vater dieser Stadt (offenbar tatsächlich nur der damalige OB, danke für die Info, St. Otto). Eine Statue im Park, in einer Allee der Staatsmänner.  Kurden wie Rezul haben das anders gesehen. Irgendwann schwamm das Ding in der Nahe und wurde dann nur noch aufgebaut, wenn hoher Besuch aus der Türkei kam.

Rezul hat geholfen, dass er politisch aktiv geblieben ist. Selbst den deutschen Behörden ist so klar geworden, dass sie ihn nicht mehr zurück in die alte Heimat schicken können. Was wir bei unserer Lesung erzählen, weiß er natürlich längst. Das Internet, die sozialen Medien, Kontakte nach Diyarbakir. Trotzdem war für ihn sofort klar, dass er kommen würde, als er den Termin von Siggi hörte. Das ist wie Familie, sagt er. Was so eine Atatürk-Büste doch alles auslösen kann.