Von Wien nach Münster: eine Bilanz

Am Anfang steht die Dankbarkeit. Die vielen Menschen, die wir getroffen haben. Was wir alles erleben durften. Die Räume natürlich, in denen wir gelesen haben. Da war so gut wie alles dabei. Hörsäle und Volkshochschulen, Gewerkschaftshäuser und Theater, Konzertbühnen. Einmal eine Art Büro (bei der Luxemburg-Stiftung in Mainz), eine Gaststätte (in Regensburg) und einmal sogar eine Kirche (in Bern).

Das Buch in Trier

Wer ein Buch schreibt, wünscht sich Resonanz. Zuspruch von Freunden, Rezensionen, vielleicht sogar eine Verkaufszahl, die man weitererzählen kann. Wir haben mehr bekommen. Zuerst die Einladungen aus dem ganzen Land. So viele, dass wir gar nicht alle annehmen konnten. 48 Stationen in siebeneinhalb Monaten. Meran und Kiel, Österreich und die Schweiz, Saarbrücken. Und nebenbei ja weiter arbeiten, im Zug halt und weniger im Büro. Wenn wir mit den Kims verwandt wären in Nordkorea, dann hätten wir die Bahnkilometer zählen können, für später, für das Mausoleum. Bei Kim Jong Il steht da sogar der Waggon, in dem er dann gestorben ist, direkt unter der Wand, auf der all seine Wege festgehalten sind.

Zurück zur Resonanz auf dieses Buch, zurück zu den vielen Menschen, die uns erst zugehört und dann Fragen gestellt haben. Diese Fragen haben sich verändert, weil sich die Welt da draußen weitergedreht hat und weil es diese Seite gab. Kommunikation über Bande sozusagen. Was hier geschrieben wurde, war ein paar Orte weiter schon bekannt. Auch deshalb war es jeden Abend spannend. Die Fragen gehen ja nicht aus bei diesem Thema.

Auch spannend, immer wieder: Wie viele Menschen werden heute kommen? Das hängt vom Ort ab, natürlich, und ein wenig auch von den Veranstaltern. Je mehr sich da zusammen tun und je bunter dieser Kreis dann wird, desto besser für uns. Auch Skandalisierung hilft. Wir haben in diesem Tagebuch oft genug erzählt von den Attacken, die es gegen die Reihe gab. Gar nicht wegen des Themas (das hat allenfalls indirekt eine Rolle gespielt und war nur einmal wirklich wichtig), sondern wegen uns. Wegen zweier Referenten, gegen die man dies vorbringen kann und jenes. Das soll hier zum Schluss gar nicht nochmal aufgewärmt werden.

Die Reise durch die deutschen Lande ist so auch zu einem Lehrstück geworden über das, was schiefläuft bei den Linken und bei denen, die sich dafür halten und das auch nach außen für sich reklamieren. Man streitet. Nicht mit dem politischen Gegner, Gott bewahre. Dieser Gegner ist groß und übermächtig. Man streitet mit sich selbst. Man lässt Bündnisse platzen, weil irgendwer (manchmal sogar anonym) irgendwas behauptet hat, was man leicht hätte widerlegen können. Kopf einschalten, selbst denken, vielleicht auch einfach das mal lesen oder anschauen, was da kriminalisiert wird. Sonst kommt die Revolution nie. Und wenn sie doch kommen sollte, wird das schon deshalb schrecklich, weil die Hüter der reinen Lehre mit einer Gesellschaft klarkommen müssten, die weit komplexer ist als das, was sie aus ihren Gesinnungsnischen kennen.

Prost auf Lesung Nummer 25

Wie gesagt: Dem Zuspruch hat das nicht geschadet. Ohne Skandalisierung samt Zivilpolizei im Saal und Streifenwagen vor der Tür hätten wir in Marburg nie und nimmer mehr als hundert Leute angelockt. Man sieht schon: öffentliche Aufmerksamkeit ist alles. Volle Säle im Januar, nachdem Trump angekündigt hatte, seine Soldaten aus Syrien abzuziehen. Was wird aus Rojava? Was wird aus dem, was die kurdische Freiheitsbewegung dort seit gut sieben Jahren in den Wüstensand gezaubert hat? Was wird vor allem aus uns, wenn wir diesen Leuchtturm der Hoffnung verlieren? Drei Monate später war der IS Geschichte (zumindest territorial). Die Medienmeute fand neue Themen. Und wir haben uns gefreut, dass ganz am Ende in Münster wenigstens 35 Leute kamen.

Soli-Foto in Basel

Wo war es am schönsten, hat Serdal in Paderborn gefragt. Er wusste, warum er das fragen konnte. Paderborn war ein Highlight, ohne Frage. Ein großer Hörsaal, übervoll. Freunde, die von weither gekommen waren, weil sie gehört hatten, dass es Stress gab mit türkischen Nationalisten. Gastgeber, die uns vergessen ließen, dass man samstags am liebsten zu Hause ist. Paderborn also? Was ist dann mit Zürich, mit dem Ütliberg, der Roten Fabrik, dem Limat? Was mit dem Wendland, wo wir in 22 Stunden mehr lernen durften als sonst in einem Monat? Konstanz, Darmstadt (Menemen!), Schorndorf (S21!), Hannover (das riesige Mahl zu einer Zeit, zu der andere längst schlafen gehen)? Man muss nur durch dieses Tagebuch scrollen, um zu verstehen, warum wir fast überall auf dieser Tour mehr zurückbekommen haben als wir geben konnten.

Viermal waren wir bei Krikowi zu Gast, bei Kollegen aus dem Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft. Uwe Krüger (Leipzig), Aljoscha Paulus (Hildesheim), Sevda Arslan (Mannheim), Alex Hummel (Heidelberg). Fast schon Familie und Heimspiele wie in München. Da wächst etwas. Auch deshalb ist jetzt erstmal Schluss.