Speyer, 31. März 2019

Am Ende sind wir dann doch noch zu Helmut Kohl gefahren. Cem und seine Frau haben uns spontan hingebracht, mit einigen Schleifen durch die Stadt. So ganz genau weiß man nicht, wo dieser Mensch begraben liegt, wenn man sich der kurdischen Freiheitsbewegung nahe fühlt und den Ideen von Abdullah Öcalan.

Dort werdet ihr fotografiert, sagt eine Zuhörerin. Die Kamera, von der Witwe durchgesetzt. Und vielleicht müsst ihr sogar anstehen. Die Leute sind verrückt. Pilgern von sonstwo her. Geht lieber in den Dom. Das Grab liegt dann ganz einsam im Adenauer-Park. Zwei schwarz-rot-goldene Schleifchen am Rand. Sonst nichts. Nichtmal ein ordentlicher Grabstein.

Cem hat uns vorher Kohls Lieblingsrestaurant gezeigt. Der Saumagen. Unsere beiden Begleiter beschäftigt eher die Zukunft ihrer Tochter. Die ältere studiert Sozialpädagogik, okay. Aber die jüngere. Will unbedingt zur Polizei. Nicht einfach. Neulich bei Newroz habe sie einen von denen mitsingen sehen. Die kurdischen Lieder, in Uniform. Na seht ihr, habe sie gesagt. Geht doch. Ich muss nicht auf unsere Leute einschlagen.

Diese Tochter spielt Fußball. In der Verteidigung, schwer zu überwinden. Sie braucht Action. Was sagt man da als Vater und als Mutter? Vielleicht schafft sie es ja zur Kripo. Vielleicht ist es gut, mehr Frauen wie sie bei der Polizei zu haben. Vielleicht kann sie da ja ein Gegengewicht schaffen zu den Türkinnen und Türken, die sich freuen, wenn die deutschen Behörden der harten Linie folgen, die Berlin Ankara zuliebe vorgibt.

Heute sind Kommunalwahlen in der Türkei. Der perfekte Anlass für unsere erste Matinee. Eingeladen hat Sebastian, den wir aus Mainz kennen. Für die Fans und Abonnenten: Das war die Lesung, bei der ein Tisch zusammengebrochen ist.

Das Kulturzentrum Eckpunkt hat den Zusammenbruch schon hinter sich. Drei Tage Dauerparty. Das Zentrum wird fünf. Man riecht das noch mittags. Kaum vorstellbar, dass die Nachbarn nicht rebelliert haben sollen. Hier wird gelebt, sagt Sebastian. Er sagt das ganz tapfer. Im Morgengrauen nach Hause und jetzt schon wieder im Dienst. Nicht jeder im Publikum wird alles mitbekommen haben. Egal. Die anderen haben für sie mitgefragt und draußen vor der Tür noch über Ken Jebsen diskutiert. Vielleicht sind wir auch deshalb zu Helmut Kohl. Die Toleranzschwelle hier wie dort ein wenig anheben.