Münster, 8. Mai 2019

Wieder ein Hörsaal, wie damals in Wien. Dieser warme September-Abend scheint eine Ewigkeit her. Aufgeregt waren wir. Wer mag zu so einer Lesung kommen? Wird es funktionieren, ein bisschen vorzulesen und dann sozusagen tagesaktuell zu werden, über das Buch hinaus? Und: Was werden die Leute fragen? Werden sie überhaupt etwas fragen oder längst geflohen sein nach einer Stunde Programm?

Nach 48 Stationen heißt dieses Programm längst „Show“, mit einem Augenzwinkern natürlich und nur wenn uns keiner zuhört. Die Leseteile sind ein wenig kürzer geworden auf dem langen Weg von Wien nach Münster. Dieser Halbsatz zum Iran zum Beispiel, der immer wieder Nachfragen ausgelöst hat und einmal sogar Protest.

Dass wir heute Bilder zeigen, die es im Herbst noch gar nicht gab, liegt in der Natur des Konzepts. Leyla Güven nach einem halben Jahr im Hungerstreik, die große Demo in Istanbul am 8. März, die Pressekonferenz mit den beiden Anwälten, die gerade erst mit Öcalan gesprochen haben, nach acht Jahren Kontaktsperre. Manchmal weiß selbst  Twitter noch nicht, was Kerem gleich berichten wird. Okay: Das ist übertrieben, aber nur ein bisschen.

Geblieben ist das Herz der Vorträge. Die Zerstörung, die das türkische Militär 2015/16 in den Osten des eigenen Landes getragen hat und von der man hierzulande fast gar nichts weiß. Die deutsche Mitverantwortung für das, was da passiert ist und passiert.  Und die Revolution in Rojava, noch so eine Leerstelle in der öffentlichen Wahrnehmung.

In Münster geht es heute auch um Medien. Wie kommt es, dass der Journalismus nicht das macht, was er uns verspricht? Das Gegenprogramm ist mit im Saal: der Unrast-Verlag mit einem Büchertisch. Wie schön.

Was wir in Wien nicht ahnen konnten: Dieses Tagebuch hat die Tour nicht nur dokumentiert, sondern (vielleicht sogar noch mehr) verändert. Das Buchcover und die Genderfrage? Ein paarmal beantwortet, hier darüber geschrieben und das so gleich weitergetragen in die nächsten Abende. In Münster heißt das auch: Die Menschen wissen, dass über das berichtet werden könnte, was sie uns erzählen. 22 Uhr schon Küchenschluss im F24? Oh je. Was soll die Welt nur über uns hier denken? Die Medialisierung einer Lesereise sozusagen. Danke an alle, die das möglich gemacht haben.