München, 6. Mai 2019

Jetzt haben wir den Bogen doch überspannt. 16 Menschen im Publikum. Und das bei einem Heimspiel. Okay: Es gab schon eine Lesung in München. Ein voller Saal damals im Eine-Welt-Haus, fast ohne Werbung. Im Moment scheint das Thema Kurdistan aber raus aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vielleicht waren wir einfach einen Tag zu früh.

Historisch, sagt Kerem gleich zu Beginn. Es gibt Kontakt zu Öcalan. Seine Anwälte haben mit ihm sprechen können, am 2. Mai. Das erste Mal seit acht Jahren. Die Pressekonferenz war am Nachmittag. Öcalans Botschaft: Frieden. Was sonst. Natürlich gibt es einen Zusammenhang mit den Hungerstreiks, die seit einem halben Jahr laufen. Wir zeigen auf jeder Lesung Bilder von Leyla Güven und von Kardo Bokani. Noch offensichtlicher aber ist der Link zur zweiten großen Meldung des Tages. Die Wahlen in Istanbul sind annulliert worden. Wiederholung am 23. Juni. Ein Zuckerstück für die Kurden und die Peitsche für die CHP, die Erdogans AKP in Istanbul auch deshalb knapp schlagen konnte, weil die HDP keinen eigenen Bürgermeisterkandidaten aufgestellt hatte.

Für unser Publikum sind das News. Morgen wird man in der SZ zwar von Istanbul lesen können, aber nicht von Öcalan. Wir sind bei der InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V. in der Karlstraße. Ein schöner Raum. So schön, dass der Hausbesitzer mit aller Macht versucht, diesen Mieter loszuwerden. München halt. Vertraute Gesichter in der kleinen Runde. Und gute Fragen. Wir war das mit den Frauen? Hat Öcalan das einfach verordnet, in Luther-Manier? Was ist mit dem Kemalismus und was mit Syrien? Und: Wie machen das die Kurdinnen in Rojava mit Sprache, Schrift, Lehrbüchern? Lourdes ist halb baskisch und halb katalanisch und weiß, wovon sie spricht. Auch für dieses Thema gibt es hier im Moment wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Noch eine Lesung in Münster und dann können wir wieder fragen, warum die Medien so sind wie sie sind.