Meran, 16. April 2019

Wir sind die Kurden Italiens, sagt nach der Lesung ein Mann aus dem Publikum, vielleicht Anfang 30. Er sagt das auf Deutsch. Das Ende des Ersten Weltkriegs, natürlich. Österreich-Ungarn zerschlagen, der Grenzstein am Brenner. Italienisierung. Was wir über Atatürk vorlesen und über die ersten Jahre der modernen Türkei, ist in Südtirol so nah wie nirgendwo sonst auf unserer Tour.

Das Siegesdenkmal in Bozen erzählt, was zwischen 1918 und 1945 hier passiert ist. Das Denkmal selbst ist schon eine Geschichte. Der erste faschistische Prunkbau, 1928 eingeweiht, genau da, wo die andere Seite im Krieg bereits angefangen hatte, an ihrem eigenen Monument zu werkeln. Nun also der Triumph der Mussolini-Leute, in Stein gegossen nach dem Vorbild der alten Römer.

Im Erdgeschoss kann man heute lesen, was damals aus den deutschen Namen wurde (italienisiert), aus der deutschen Sprache (verbannt aus den regulären Schulen, abgedrängt in Nischen der katholischen Kirche), aus der deutschen Kultur. Man erfährt von den Hoffnungen, die sich mit Hitler verbanden, genährt noch durch den Anschluss Österreichs, und von der Enttäuschung, die ganz zwangsläufig kam, weil Berlin der Bund mit Rom immer wichtiger war als die paar Hunderttausend Menschen auf der Südseite der Alpen. Und man ahnt, was es für diese Menschen bedeutet haben muss, dass Ende 1939 plötzlich jeder entscheiden musste (in einer Volksabstimmung), ob er oder sie in der Heimat bleiben oder fortziehen möchte in das gerade größer werdende Reich im Norden.

Jochen Tetzlaff hat uns diesen Rundgang empfohlen, ein Geschenk sozusagen, das mit der Einladung zur Lesung kam. Erstaunlich ist, sagt er, dass es die Ausstellung erst seit 2013 gibt. Vielleicht mussten die Zeitzeugen erst aussterben. Geschichte schmerzt, erst recht wenn die große Politik so tief in die Familien hineinregiert wie hier und in Kurdistan.

Auch der Ost West Club in Meran ist Teil der ganz großen Geschichte. Man kann sich heute schwer vorstellen, wie das gewesen sein muss in den späten 1970ern und frühe 1980ern hier in Südtirol, ohne Internet und irgendwie weit weg von der Welt. Kultur für die Thermaltouristen oder die katholische Kirche. Mehr gab es offenbar nicht. Bis 1982 dieser Club gegründet wurde, ein “Austauschplatz für Meran und den Rest der Welt”. Aus dem Osten, aus dem Westen, egal.

Heute gehört der Ost West Club zum Establishment, auch wenn es eher nach Punk riecht und das nicht nur auf den Toiletten. 7.500 Mitglieder (Jahresbeitrag: 10 Euro). In einer Stadt mit 40.000 Einwohnern. Fünf Hauptamtliche, eine halbe Million Jahresbudget. Unsere Lesung steht in einem Programm mit 200 Veranstaltungen. Gefragt wird nach Dingen, an die wir uns in Deutschland längst gewöhnt haben. Warum ist die PKK bei euch verboten worden? Was hat es mit diesen Gerichtsverfahren auf sich? Mit dem Vorgehen gegen die Fahnen von YPG und YPJ? Gute Fragen. Danke, Jochen, danke Südtirol.